Die „Abschreibe-Maschine“ – Wie Emilie Fontane zur Legende wurde

Emilie Fontane (1824–1902), Porträt ca. 1889.
Quelle: Berliner Zeitung

von Gabriele Radecke und Robert Rauh

Es klingt nach einer effizienten Dichter-Werkstatt. In Fontanes „kleinem Romanschriftsteller-Laden“ produziert der Mann am laufenden Band literarische und journalistische Texte. Und die Frau managt den Alltag, schreibt die Manuskripte ins Reine und fungiert dabei als kritische Lektorin. Die Ehe von Emilie und Theodor Fontane, weiß die Forschung zu erzählen, war eine Partnerschaft auf literarischer Augenhöhe.

Dieses Dichter-Dream-Team ist kein Einzelfall. Was wäre Bertolt Brecht ohne Helene Weigel, die als „Mädchen für alles“ ihrem Mann den Rücken freihielt und später auf der Theaterbühne die Rollen spielte, die ihr Brecht auf den Leib geschrieben hatte. Was wäre Lion Feuchtwanger ohne seine Frau Marta, die seine Texte lektorierte und ohne deren Zustimmung keine Zeile in den Druck ging. Was wäre Leo Tolstoi ohne seine Frau Sofia, die als Verlegerin seine Werke herausgab und unzählige Male das tausendseitige Manuskript von „Krieg und Frieden“ überarbeitete. Ja, und was wäre Fontane ohne seine Frau Emilie, die nicht „nur Geschäftsführerin, erste Redakteurin, Lektorin und Buchhalterin“ gewesen sei, „sondern auch literarische Ratgeberin und manchmal auch Koautorin“, so der Fontane-Biograf Iwan-Michelangelo D’Aprile. Hinter dem erfolgreichen Schriftsteller-Mann stand also eine superstarke Frau. Vermutlich hätte Emilie selbst, „die über einen starken Realitätssinn verfügte“ (Fontane-Biografin Regina Dieterle), gegen all diese Titulierungen Einspruch erhoben.

Der Mythos von der Rolle Emilie Fontanes (1824–1902) als bedeutende Dichtergattin setzte erst nach ihrem Tod 1902 ein. Und trieb im Verlauf der Jahrzehnte immer seltsamere Blüten. Eine weitere kommt in diesem Jahr hinzu: Anlässlich ihres 200. Geburtstages erhält sie, die bis auf das Fragment der „Jugendnovelle“, einer autobiografischen Skizze, keinen literarischen Text hinterlassen hat, eine Brief-Biografie, eine Ausstellung, eine Vortragsreihe und vermutlich viele würdigende Worte.

Der Lobgesang erreichte mit Hermann Frickes Biografie von 1937 einen ersten Höhepunkt. Anhand von Briefen und Dokumenten wird Emilie von dem Gründer des Fontane-Archivs aus dem Schatten ihres berühmten Mannes gezerrt. Sie hätte aufgrund der „Größe Fontanescher Darstellung“ mehr als irgendeine andere Dichterfrau das Los hinnehmen müssen, „verkannt zu werden und in Vergessenheit zu geraten“. Dabei sei sie „bedeutsamer als jene vielgerühmten und vielbeschriebenen Frauengestalten der Berliner Salons“. Bedeutsam sei vor allem ihr Wirken an der Seite Fontanes: „Sie ward ihm die Helferin bei seinen journalistischen Arbeiten und die Gefährtin seiner dichterischen Ziele.“ Fünfzig Jahre später frischte der Fontane-Herausgeber Gotthard Erler die Legendenbildung auf: mit dem „Ehebriefwechsel“ (1998) und einer zweiten Biografie (2002) über die „romanhafte Lebensgeschichte“ einer Frau, die Fontane „ein halbes Jahrhundert lang“ eine „zuverlässige Gattin und geistige Partnerin“ gewesen sei. Was den Schluss nahe legt, Emilie habe eine bedeutende Funktion in Fontanes literarischem Schaffensprozess gespielt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Emilie Rouant-Kummer als Braut, Pastell von Th. Hillwig, nach 1848.
Quelle: Theodor-Fontane-Archiv

Wenn es um Belege geht, wird die Allee der Anerkennung zu einem schmalen Pfad, der am Ende in Spekulationen mündet. Bei der Vielzahl von überlieferten Ehe-Briefen existiert nur ein einziger konkreter Hinweis auf ihre „Mitwirkung“ an einem Roman. Beim Abschreiben des Manuskriptes von „Graf Petöfy“ notierte Emilie 1883 wenige sprachliche Änderungsvorschläge und gab – mit einem Verweis auf den Dichterkollegen Theodor Storm – vorsichtig zu bedenken, Liebesschilderungen seien „nicht Deine Sache“. Er wisse, schrieb Fontane zurück, dass er „kein Meister der Liebesgeschichte ist“. Und wies den Einwand mit einer Ansage zurück, die unter die Gürtellinie geht. Storm sei „ein kränkliches Männchen und ich bin gesund trotz meiner äußeren Kränklichkeiten“. Obwohl nicht überliefert ist, ob Fontane den doppeldeutigen Einwand seiner Frau berücksichtigt hat, geht Erler davon aus, dass die „kluge, gebildete Frau“ sich „in den Entstehungsprozess“ der literarischen Werke „eingemischt“ habe und „mitwirkende Partnerin“ gewesen sei. Als Frau, meint die Sachbuchautorin Christine von Brühl, habe sie zudem überprüfen können, „ob die weiblichen Figuren in seinen Texten korrekt dargestellt waren“.

Tatsächlich belief sich Emilie Fontanes Einfluss auf überschaubare Hinweise und Ratschläge, die sie selbst als „Gequatsch“ und „ängstliches Interesse“ an seiner „großen Arbeit“ relativierte. Für den „Stine“-Roman sei es, berichtete Fontane einem Freund, „ein Einschreibsel von nur drei Zeilen“. Dass sie ihm als geistige Partnerin nicht ebenbürtig sein werde, war Fontane bereits vor der Hochzeit bewusst. Einem Freund versicherte er 1847, seine Verlobte werde ihn auch später noch zu fesseln wissen, „wo mir größere Schönheit, umfassenderes Wissen und selbst tieferes Gefühl auf meinem Lebenswege begegnen sollten“. Immerhin: Ihre „Unkenntnis gibt sich als herzgewinnende Natürlichkeit“. Emilie wusste um ihre Defizite. Ihr fehle „die geistige Kraft“, gestand sie 1850 selbstkritisch einem Freund nach der Lektüre von Goethes „Iphigenie“.

Während der Ehe beschränkte sich Emilies „Mitwirkung“ am Werk ihres Mannes weitgehend auf Hilfsdienste im Rang einer Sekretärin mit Sondervollmachten. Sie übernahm Botendienste, besorgte Informationen, vereinbarte Termine, übernahm die Korrespondenz in Fontanes Auftrag, schickte ihm Unterlagen und Bücher. Vor allem aber schrieb sie seine fast fertigen Manuskripte ins Reine – häufig stundenlang, auch abends und an Feiertagen. Er lobte ihre Kopierarbeiten mal als „Fleißesleistung“, mal als „imposante Leistung“. Und sie klagte gegenüber ihrem Sohn Theo: „Ich bin nur noch Abschreibe-Maschine.“

Emilie Fontanes Abschrift des „Wanderungen“-Kapitels „Großbeeren“ in Fontanes Notizbuch A9 (1860).
Quelle: Digitale Notizbuchedition, hrsg. v. Gabriele Radecke

Wenn es Fontane um den literarischen Austausch ging, wandte er sich anderen Partnern zu. Zusammen mit seinem langjährigen Dichter-Freund Bernhard von Lepel besprach er literarische Pläne und Stoffe; gegenseitig schickten sie sich ihre Entwürfe zu. Mit dem Kunsthistoriker Friedrich Eggers diskutierte er sein Realismus-Konzept. Und die Stiftsdame Mathilde von Rohr, mit der er freimütig über Themen korrespondierte, die er mit seiner Frau nicht besprechen konnte, arbeitete ihm nicht nur für die „Wanderungen“ zu, sondern lieferte auch zahlreiche Informationen für sein Prosawerk. Für „meine Arbeiten“ war sie, schrieb er später, „von allergrößtem Nutzen“.

Wenn Fontane Emilie ausnahmsweise sein Literaturverständnis mit augenzwinkernden Bezügen zur Weltliteratur erläuterte, diente es seinem Selbstverständnis als Künstler. Emilie las seine Texte erst, wenn sie fertig formuliert waren. Mussten sie nicht abgeschrieben werden, bekam sie die Druckfassung – wie seine Leserschaft. Fontanes erste Novelle und seine frühen Gedichte las sie im „Berliner Figaro“, journalistische Arbeiten in der Zeitung und das Manuskript des Romans „Mathilde Möhring“ erst, nachdem sie es im Nachlass Fontanes gefunden hatte. Auf dem Umschlag vermerkte sie: „Mit Rührung gelesen.“ 

„Mit Rührung gelesen“ – Kommentar von Emilie Fontane auf dem Manuskriptblatt des unveröffentlichten Romans „Mathilde Möhring“ am 31. Januar 1901.
Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, St 53.

„Mathilde Möhring“ hatte Glück, nicht im Ofen gelandet zu sein. Denn Emilies literarische „Unkenntnis“ wurde nach Fontanes Tod nun auch fahrlässig. Sie verbrannte nicht nur die sie vermutlich kompromittierenden Briefe, räumte ihr Sohn Friedrich später bedauernd ein, sondern auch Mappen mit „teils beinahe fertigen Manuskripten“. Jedenfalls „brachte man ihr schonend bei“, in solchen „Zweifelsfällen“ besser die von Theodor Fontane ja extra „festgesetzte Nachlass-Kommission“ zu konsultieren. 

Würdigen sollte man Werk und Wirken Fontanes, nicht das seiner Schreibkraft. Emilie Fontane hat den Romanschriftsteller-Laden ohne Frage zusammengehalten, sie war aber nur marginal in den literarischen Schreibprozess ihres Mannes involviert.

Quelle: Berliner Zeitung vom 18.04.2024

 

Literatur

  • Emilie und Theodor Fontane: Der Ehebriefwechsel, Große Brandenburger Ausgabe. Briefe. Bände 1-3, hrsg. v. Therese und Gotthard Erler, Aufbau-Verlag, Berlin 1998.
  • Emilie Fontane: Dichterfrauen sind immer so. Eine Autobiografie in Briefen, hrsg. von Gotthard Erler, Christine Hehle, Aufbau-Verlag, Berlin 2024.
  • Gotthard Erler: Das Herz bleibt immer jung. Emilie Fontane. Biographie, Aufbau-Verlag, Berlin 2002.
  • Hermann Fricke: Eine deutsche Dichterfrau. Mit unveröffentlichten Gedichten und Briefen von Theodor und Emilie Fontane. Rathenower Zeitungsdruckerei, Rathenow 1937. 

Weblinks

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