Digitale Notizbuchedition – der „ganze Fontane“

Fontanes Notizbuch „Havelland“, 1869.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

von Gabriele Radecke

Fontanes Notizbücher gehörten zu den letzten, noch unveröffentlichten Handschriften des Autors. Weil sie das gesamte Spektrum seines umfangreichen Werkes abbilden, sind sie ein einzigartiges Arbeits- und Lebensdokument. Überliefert sind 67 Kleinoktavbändchen, die den Zeitraum von 1860 bis 1885 umfassen. Auf den zirka 10.000 Seiten finden sich Entwürfe zu seinen Romanen, Erzählungen und Gedichten, zum kriegshistorischen und reiseliterarischen Werk, zu Theater-, Literatur- und Kunstkritiken sowie zu Briefen und Tagebüchern. Zudem enthalten sie auch Alltägliches wie To-do-Listen und ein Kochrezept für Maiskolben, das Fontanes Frau Emilie während ihrer gemeinsamen Reise nach Italien festhielt. Ein Notizbuch wurde sogar zum Lebensretter: Nachdem Fontane während des Deutsch-Französischen Krieges im Oktober 1870 als vermeintlicher preußischer Spion verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt worden war, diente sein privates Notizbuch als Beweis für seine Tätigkeit als Journalist.

Lebensretter: Fontanes Notizbuch für seine Recherche über den Deutsch-Französischen Krieg, 1870.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Die digitale Notizbuch-Edition

Die Entschlüsselung der Notizen war eine große Herausforderung. Während Fontane am heimischen Schreibtisch ordentlich mit Tinte schrieb, sind seine Bleistifteinträge von unterwegs äußerst unruhig. Erschwert wird das Entziffern durch unzählige Durchstreichungen und Hinzufügungen. Außerdem dokumentieren die einzelnen Seiten verschiedene Schreibrichtungen und Textüberlagerungen. Problematischer ist jedoch, dass die Einträge weder thematisch noch chronologisch geordnet sind. Fontane hielt zwar zur eigenen Orientierung Inhalte und stellenweise auch Jahreszahlen auf dem Cover fest; zuverlässig sind die Angaben jedoch nicht. Hier stimmt die Datierung nicht, dort sind die Inhalte umfangreicher. Daher verwundert es nicht, dass Fontanes Notizbücher bisher als nicht edierbar galten.

Verschiedene Schreibrichtungen, Textüberlagerungen und Überklebungen: Fontanes Aufzeichnungen über Gotha, Notizbuch C5, 1873.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Dank der Digitalisierung ergeben sich nun neue Möglichkeiten. Von 2011 bis 2019 wurden die Notizbücher an der Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen in Kooperation mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek digitalisiert, komplett entziffert und kommentiert. Inzwischen sind sämtliche Seiten digitalisiert und in einer Transkriptionsansicht einsehbar in einem kostenlosen Internetportal, in dem nun gezielt nach Orten, Personen und Stichworten gesucht werden kann.

Faksimile und Transkription auf einer Seite: Luisenpforte in Paretz, Fontanes Skizze, Notizbuch A17, (1869).
Quelle: Digitale Notizbuchedition

„Zum letzten Mal die Erde von Paretz berührt“: Luisenpforte in Paretz, Fotografie, vor 1911.

Hinweis: Das Denkmal zu Ehren der preußischen Königin Luise, entworfen vom Architekten Martin Friedrich Rabe, wurde 1911 eingeweiht– ein Jahr nach dem frühen Tod der Königin.
Foto: Verein Historisches Paretz e.V.

Nur noch die Grundmauern: Reste der Luisenpforte in Paretz, Fotografie, 2023. 

Hinweis: Das Denkmal wurde bereits 1920 von Schrottdieben zerstört. Es gibt Überlegungen, es mithilfe von Spenden wieder zu errichten.
Foto: Robert Rauh

Neubewertung der „Wanderungen“

Die Ergebnisse der digitalen Notizbuchedition, also die Transkriptionen und Kommentare, dienten im Fontane-Jahr 2019 als Grundlage zahlreicher Ausstellungen, vor allem in Neuruppin und Potsdam, wo auch die Originale der Staatsbibliothek zu Berlin präsentiert wurden. Für Regionalhistoriker sind Fontanes Notizen von unschätzbarem Wert, weil sie für einzelne Orte häufig die einzige Quelle aus dem 19. Jahrhundert sind. Darüber hinaus machen die Notizbücher eine Neubewertung der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ unerlässlich. Sie offenbaren bisher unbekannte Reisen Fontanes in die Mark und belegen seine tatsächlichen Reiserouten, die sich von denen in den gedruckten „Wanderungen“ unterscheiden. Zudem enthalten die Kladden 600 Skizzen von Herrenhäusern, Kirchen, Grabmalen und Kunstgegenständen. Dienten sie dem Wanderer als visuelle Gedächtnisstütze, bieten sie heute zusätzliche Details und eine räumliche Vorstellung der Beschreibungen. Spezielle Lagepläne ermöglichen zudem eine genauere Lokalisierung.

Außergewöhnliches „Monument“: Grabdenkmal von Friedrich Drake in Brunn (Ostprignitz-Ruppin) für Oberst Conrad von Romberg und seinen Sohn Anton, Fontanes Skizze, Notizbuch A2, 1873.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Existiert noch: Drake-Grabdenkmal vor der Kirche in Brunn (Ostprignitz-Ruppin), 2019.
Foto: Robert Rauh

Die Notizbücher verraten auch, welche Orte Fontane tatsächlich besichtigte – und welche nicht. So besuchte er Strausberg und fertigte Unterwegs-Notizen an, ein eigenes Kapitel erhielt der Ort in den „Wanderungen“ jedoch nicht. Andere Dörfer, wie Gottberg bei Neuruppin, werden dagegen ausführlich thematisiert, obwohl Fontane nie vor Ort war. Schließlich informieren die Notizbücher über „verschwundene“ Orte und Gebäude, die nur in frühen Druckauflagen erwähnt werden, wie etwa der Ritter Kahlbuz-Ort Kampehl oder das Jagdschloss Stern bei Potsdam. Oder sie enthalten Aufzeichnungen über Orte wie Potsdam, die in den „Wanderungen“ nie erschienen. Die Notizbücher verdeutlichen somit, dass die „Wanderungen“ ein work in progress sind, das Fontane in mehr als dreißig Jahren immer wieder um- und fortgeschrieben hat.

Fehlt in den „Wanderungen“: Marmorpalais in Potsdam, Fontanes Skizze, Notizbuch A3, 1861.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Marmorpalais in Potsdam, 2023.
Foto: Wolfgang Lorenz


Literatur

  • Gabriele Radecke: Schneiden, Kleben und Skizzieren Theodor Fontanes Notizbücher; in: Marcel Atze und Volker Kaukoreit (Hg.): „Gedanken Reisen, Einfälle kommen an“ Die Welt der Notiz. Wien 2017. (Sichtungen, Bd. 16/17), S. 199–213.
  • Gabriele Radecke: Notizbücher; in: Theodor Fontane Handbuch. Band 1, hrsg. von Rolf Parr, Gabriele Radecke, Peer Trilcke und Julia Bertschik, De Gruyter, Berlin/Boston 2023, S. 808–818.

Weblinks

  • Theodor Fontane: Notizbücher. Genetisch-kritische und kommentierte Edition, hrsg. von Gabriele Radecke, Göttingen 2015 ff.
  • Susanne Vieth-Entus: Das Making-Off der „Wanderungen“. Fontanes Notizen sind erstmals in einer Ausstellung zu sehen, in: Der Tagesspiegel, 18.5.2023

Ausstellung: FONTANE ON TOUR. Skizzen und Notizen aus dem Havelland

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