von Gabriele Radecke und Robert Rauh
Fontane war empört. Ausgerechnet über Heinrich Heine, dessen Werk er schätzte. Nun habe er die „Reisebilder“ gelesen, notierte Fontane 1857 in sein Tagebuch, fand manches hochpoetisch, „das Ganze aber doch unerquicklich“. So seien die Angriffe gegen den Dichter August Graf von Platen „das widerlichste, was man lesen kann“. Heine hatte Platen 1830 mit verbalen Beleidigungen als „warmen Freund“ geoutet – und sich damit für Platens antisemitische Attacken gerächt. Diese Schlammschlacht ging als „Platen-Affäre“ in die deutsche Literaturgeschichte ein.

Bediente sich antisemitischer Klischees gegen Heine: August Graf von Platen, Gemälde von Moritz Rugendas, 1830

Homophobe Angriffe gegen Platen: Heinrich Heine, Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831
Sexuelle Uncorrektheiten
Dem Historiker Rudolf Muhs erscheint es bemerkenswert, dass Fontanes Abscheu „in erster Linie nicht Platens sexueller Orientierung galt, sondern der Art, wie Heine ihn dem Gespött preisgegeben hatte“. Diese Beobachtung ist kein Einzelfall. In Fontanes Werk und Nachlass sind keine abfälligen Aussagen über homosexuelle Zeitgenossen überliefert. Selbst als Fontanes Freund, der Dichter und Offizier Bernhard von Lepel, ihn nach einem Besuch an Platens Grab in Messina 1846 mit einer homophoben Anekdote postalisch zu unterhalten versuchte, lässt der sonst um keine Antwort verlegene Autor Lepels Anspielungen unkommentiert. Was jedoch keiner schambehafteten Tabuisierung geschuldet war. Denn der Schriftsteller hat sich, wie eine Zusammenstellung von Georg Bartsch zeigt, sowohl privat als auch in seinem literarischen Œuvre erstaunlich oft und überraschend deutlich über Homosexualität geäußert.
Was bei der Lektüre auffällt: Fontane verwendet nicht den Begriff „Homosexualität“. Geprägt wurde dieser von dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny, der sich zudem in seiner anonym publizierten „Offenen fachwissenschaftlichen Zuschrift“ von 1869 an den preußischen Justizminister erfolglos für die Entkriminalisierung männlicher Homosexualität eingesetzt hatte. Konkret wandte sich Kertbeny gegen die beabsichtigte Übernahme von § 143 des preußischen Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund, wonach die „widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren verübt wird“, zu bestrafen sei.
Dass Fontane von Kertbenys Wortschöpfung Kenntnis hatte, ist unwahrscheinlich, denn erst 20 Jahre später begann sich der Begriff „Homosexualität“ in Medizin und Rechtswissenschaft zu etablieren. Gleichwohl hat Fontane den Wissenschaftsdiskurs durchaus verfolgt. Wenn er im Kontext der Humboldt-Brüder von „sexuellen Uncorrektheiten“ spricht, die „vom physiologisch-psychologischen Standpunkt aus“ die Biografien der beiden „10 mal interessanter“ machen würden, spiegelt diese Wortwahl auch die sich Ende des 19. Jahrhunderts wandelnde Auffassung wider, die Strafbarkeit von homosexuellen Handlungen in Frage zu stellen.

Anonym gegen die Kriminalisierung von Homosexualität: „fachwissenschaftliche Zuschrift“ von Karl Maria Kertbeny, Original-Cover von 1869
Gefühle vor Gericht
Umgekehrt wurden Fontanes Äußerungen innerhalb der Wissenschaft rezipiert, nachdem seine Briefe posthum publiziert worden waren. So erfuhr die Öffentlichkeit 1910/11, wie das vom Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld gegründete Wissenschaftlich-humanitäre Komitee „Fontanes tolerante Ansichten über die Homosexualität“ würdigte. Dass Fontanes Haltung tatsächlich „das Ergebnis persönlicher Beobachtung“ war, beweist eine erneute Konfrontation mit Platens Homosexualität kurz vor seinem Tod. Anlass war eine Rezension des Germanisten Erich Schmidt über die Erstveröffentlichung von Platens Tagebüchern. Mit besonderem Interesse, schreibt Fontane 1896, habe er gelesen, was der Rezensent „über den ‚dunklen Punkt‘ [von Platen]“ sage. Er kenne „mehrere solcher Personen“ und könne bestätigen, „dass es solche eigentümlich ‚unglücklich Liebende‘ gibt“. Etwa der „Hofprediger [Windel]“, mit dem er „sehr befreundet“ war und den er aufgrund seiner „grundsätzlichen Auflehnung gegen das bloß Herkömmliche und Patentierte“ schätzte. „Strahlenden Gesichts“ hätte ihm Windel von einem Besuch bei Carl Westphal erzählt. Der Neurologe, der in seiner Schrift „Die Konträre Sexualempfindung“ (1869) die These über Homosexualität als „eine angeborene Verkehrung der Geschlechtsempfindung“ vertrat, hatte Windel erklärt, dass es „zwei Sorten von Nervensträngen gebe […]. Die Natur habe also ein Doppelspiel gewollt: die einen links, die andern rechts.“
Fontanes Synonyme für Homosexualität wie „dunkler Punkt“ oder „sexuelle Uncorrektheiten“ verdeutlichen jedoch die Grenzen seiner Toleranz. Ungeachtet dessen zieht er in diesem Kontext – wenn auch nur in einem Nebensatz – eine entscheidende Schlussfolgerung auf juristischer Ebene. Indem er konstatierte, Windel bekenne sich „ganz offen dazu; was er durfte, da man bloße Gefühle nicht vor Gericht stellen kann“, wandte sich Fontane indirekt gegen den nach der Reichsgründung 1871 ins Strafgesetzbuch aufgenommenen § 175 – und orientierte sich damit an Kertbenys Forderung, Homosexualität nicht zu kriminalisieren.
Anders als andere
Fontanes Offenheit zeigt sich auch im literarischen Werk. Als Fontane im „Stechlin“ seine Romanfiguren über die Homosexualität von Prinz Heinrich, dem jüngeren Bruder Friedrichs des Großen, diskutieren lässt, wird die Meinung, der Prinz sei ein „sogenannter Misogyne [Frauenfeind]“, ein „Kranker“ oder „mindestens etwas sehr Sonderbares“, durch eine weitere Figurenrede kontrastiert. Anderen zeitgenössischen Vorurteilen – wie etwa antisemitischen Stereotypen – setzt der Autor nichts entgegen.
Allerdings scheint auf der Suche nach einer schwulen Romanfigur die Deutung allzu verlockend, der schöngeistige Alonzo Gieshübler, eine zentrale Nebenfigur in „Effi Briest“, entspreche „dem Bild eines Homosexuellen zur Zeit Fontanes“ (Bartsch). Zwar lässt sich Effis Feststellung, er sei „anders […] als andere“, als mögliches Indiz anführen, aber sie täuscht nur darüber hinweg, dass Gieshübler stellvertretend Effis Verführung durch Crampas vorbereitet. Denn der Junggeselle, ein „so gut wie verwachsener Herr“, weiß um seine Chancenlosigkeit bei Frauen. Man wage kaum, gesteht er Effi, „eine Dame zum Tanz aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will“.
Fontane war kein Vorreiter für schwule Protagonisten in der Literatur. Den ersten Roman mit einer bisexuellen Hauptfigur verfasste 1875 Adolf von Wilbrandt. Reales Vorbild für „Fridolins heimliche Ehe“ ist ein gemeinsamer Freund: der Kunsthistoriker Friedrich Eggers. Als Fontane 1898 in seiner Autobiografie „Von Zwanzig bis Dreißig“ an den Freund erinnert, wirkt sein Kommentar zu dem Roman wie eine Reminiszenz an den friderizianischen Grundsatz, jeder möge nach seiner Façon selig werden: Wilbrandt habe Eggers in seiner reizenden Geschichte „frei nach dem Leben gezeichnet“.

Freund Friedrich Eggers als Vorbild in dem Roman von Adolf von Wilbrandt: „Fridolins heimliche Ehe“, 1875, Cover des Nachrucks von 2010
Zu den Autoren: Gabriele Radecke ist Leiterin des Literaturarchivs der Akademie der Künste und Herausgeberin der digitalen Fontane-Notizbuch-Edition https://fontane.sub.uni-goettingen.de/index.html. Robert Rauh ist Historiker und Autor; zusammen mit Radecke betreibt er die Portale „Fontanes Wanderungen“ https://fontanes-wanderungen.de und „Fontane Online“.
Quelle
- Radecke, Gabriele/Rauh, Robert: „Sexuelle Uncorrektheiten, 10 mal interessanter“: Theodor Fontane und seine überraschende Offenheit für Homosexualität; in: Der Tagesspiegel, 5.4.2026
Zitation
- Radecke, Gabriele/Rauh, Robert: Fontane und die Homosexualität, hrsg. v. Fontane ONLINE, 06.4.2026, URL https://fontane-online.de/gefuehle-vor-gericht-fontane-und-homosexualitaet/
Titelbild
- Andersen, Andreas Martin: Hendrik Andersen and John Briggs Potter in Florence, Gemälde, 1894, Museo Hendrik Andersen Rom.
Weblinks
- Falk, Rainer: Umzug nach Sodom. Fontanes Haltung zur Homosexualität, ausgehend von der Abschrift eines verschollenen Briefes, hrsg. vom Theodor-Fontane-Archiv, 3.7.2023.
- In het Panhuis, Erwin: Fontane, „sexuelle Uncorrectheiten“ und der „dankbare Anus“, 30.12.2019; in: https://www.queer.de/detail.php?article_id=35191
- Radecke, Gabriele/Rauh, Robert: Der Schattenprinz. Vor 300 Jahren wurde Heinrich von Preußen geboren; in: Berliner Zeitung, 14.1.2026.
- Radecke, Gabriele/Rauh, Robert: Theodor Fontane und die Gretchenfrage: Wie antisemitisch war der Dichter?; in: Der Tagesspiegel, 7.10.2024.
Literatur
- B., E.: Vierteljahresberichte des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, Leipzig, Heft 4 (Juli 1910), S. 418–420; Heft 2 (Januar 1911), S. 195–197.
- Bartsch, Georg: Fontane und die „sexuellen Uncorrektheiten“. Theodor Fontanes Umgang mit der Homosexualität. [o.O.] CreateSpace Independent Publishing Platform 2014.
- Fontane, Theodor und Lepel, Bernhard von: Der Briefwechsel. Kritische Ausgabe, hrsg. von Gabriele Radecke, 2 Bde., Walter de Gruyter, Berlin und New York, 2006; hier: Bernhard von Lepel an Fontane, 20. Mai bis 18. Juni 1846, Bd. 1, S. 4ff.
- Fontane, Theodor: Reise- und Tagebücher, 3 Bde., von Charlotte Jolles unter Mitarbeit von Rudolf Muhs, Große Brandenburger Ausgabe, Aufbau-Verlag, Berlin 1994.
- Fontane, Theodor: Effi Briest, hrsg. von Christine Hehle, Große Brandenburger Ausgabe, Aufbau-Verlag, Berlin 1998.
- Fontane, Theodor: Der Stechlin, hrsg. von Klaus-Peter Möller, Große Brandenburger Ausgabe, Aufbau-Verlag, Berlin 2001.
- Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches, hrsg. von der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, kommentiert von Wolfgang Rasch, Aufbau-Verlag, Berlin 2014.
- Heicker, Dino: Diskurse über Homosexualität Mitte des 19. Jahrhunderts. Theodor Fontane und Bernhard von Lepel machen sich Gedanken über Alexander von Ungern-Sternberg; in: Fontane Blätter 119 (2025), S. 202–225.
- [Kertbeny, Karl Maria:] 143 des Preussischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851 und seine Aufrechterhaltung als § 152 im Entwurfe eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund: offene, fachwissenschaftliche Zuschrift an Seine Excellenz Herrn Dr. Leonhardt, königl. preussischen Staats- und Justizminister, Serbe’s (Commissions-) Verlag, Leipzig 1869.
- Kertbeny, Karl Maria: Schriften zur Homosexualitätsforschung, hrsg. von Manfred Herzer, rosa Winkel, Berlin 2000.
- Muhs, Rudolf: „Du darfst mißmutig nicht verzagen“. Fontanes poetischer Ratschlag an Karl Maria Kertbeny; in: Fontane Blätter 119 (2025), S. 190–201.
- Schmidt, Erich: Platens Selbstbekenntnisse; in: Deutsche Rundschau 89 (1896), S. 290–303.
- Westphal, Carl: Die conträre Sexualempfindung. Symptom eines neuropathologischen (psychopathischen) Zustandes; in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten (1869/70) Heft 2, S. 73–108.


Diese originelle Veröffentlchung von Gabriele Radecke und Robert Rauh lässt mich sofort an einen Hinweis kürzlich in Rolf Selbmanns Buch „Von Auerbach zu Auerbach“ (Würzb. 2024, S. 166f.) denken, wonach die Figur Wüllersdorf sich als Schwuler lesen lasse (er habe „sein Päckchen zu tragen“ mit seinen Zechgenossen, deren Namen er „klüglich“ verschweige, Effi Briest, Hanser. S. 288f.). Folgt man Selbmanns Deutungsvorschlag, so ist doch bemerkenswert, dass im Gespräch Innstetten/Wüllersdorf ein bitteres eheliches Problem, Effis Untreue, von zwei verschieden orientierten Männern diskutiert wird: Einmal ist da der heterosexuelle (und betroffene) Innstetten, und sodann der homosexuelle Wüllersdorf. Die beiden, als hohe Ministerialbeamte und hochgebildet, sind sozial ebenbürtig, auf hohem Niveau im Staat. Wo gibt es sonst gerade diese Konstellation bei Untreue-Diskussionen in der Literatur? Spricht doch für Fontanes Toleranz gegenüber der Homosexualität.
Herzliche Grüße
Martin (Lowsky)