Größenwahn Gentzrode – Fontane bei Alexander Gentz

von Robert Rauh

Gentzrode hält sich versteckt. Hat man es endlich entdeckt, ist von dem alten Glanz nicht mehr viel zu sehen. Der Park ist verwildert, die zerfallenen Gutsgebäude vom derzeitigen türkischen Investor (Stand: 2025) „nur“ notdürftig gesichert. Und dennoch besitzt der einsame Ort noch immer eine Magie, der man sich kaum entziehen kann. Gentzrode ist nicht irgendein historisches Gut, sondern eine Neugründung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die seine Besucher beeindrucken sollte: ein auf Sand gebautes Refugium mit einem Herrenhaus im maurischen Stil und einem Landschaftspark, der – wie ihr Besitzer Alexander Gentz behauptete – „den Schöpfungen des Fürsten Pückler an die Seite gestellt werden“ könne [Gentz, 1873]. An der Ausgestaltung des einmaligen Ensembles, das Theodor Fontane als Eskurial von Ruppin bezeichnete, haben namhafte Künstler wie Martin Gropius und hunderte Arbeiter mitgewirkt.

Der Reiz, sich mit diesem Ort zu beschäftigen, resultiert auch aus dem Aufstieg und Fall der bürgerlichen Familie Gentz, die durch den Torfabbau vermögend geworden war und sich mit Gentzrode einen standesgemäßen Familiensitz errichten wollte. Und dabei jedes Maß verlor.

„Was den heutigen Besucher wie ein verwunschener Palast aus Tauendundeiner Nacht erscheinen mag“, schreibt der Kunsthistoriker Markus Jager, „ist der Leidenschaft eines Ruppiner Unternehmers entsprungen.“ Eine Leidenschaft, die Gentz um seine bürgerliche Existenz gebracht habe.

„Seitenfront nach Ruppin zu“: Kornspeicher (li. im Hintergrund der Wohnturm), Fontanes Skizze, 1864 [Notizbuch A 1, 43r]

Quelle: Digitale Notizbuchedition, hrsg. von Gabriele Radecke

Seitenfront 150 Jahre später: Kornspeicher ohne Dach (li. im Hintergrund der Wohnturm), 2018

Foto: Robert Rauh

Aus dem Nichts

Es sei erfreulich, dass jemand die noble Passion hat aus dem Nichts etwas zu schaffen […], notierte Fontane 1864 in seinem Notizbuch. Jeder kann dies freilich nicht. Es erfordert reiche Mittel. Familie Gentz besaß dieses Mittel. Und eine Vision. Rational lässt sich dieses ehrgeizige und risikovolle Bauvorhaben sonst nicht erklären. Ein solcher Visionär war Johann Christian Gentz (1794–1867). Der vermögende Torfunternehmer hatte diese Sandwüste von vornherein mit der Absicht gekauft, eine Oase daraus zu machen.

Bewusst kaufte Gentz kein existierendes Gut, sondern erwarb in den Jahren 1856 und 1857 rund sechs Kilometer nördlich von Neuruppin 69 Grundstücke in einer Gesamtgröße von knapp 700 Hektar mit einem Wert von 203.175 Talern [Turmknopfurkunde]. Der Besitz liegt, schreibt Fontane in den „Wanderungen“, am Abhang einer Sanddüne, die seit unvordenklichen Zeiten den Namen der »Kahlenberge«, ja, an einer Stelle sogar des »Kranken Heinrich« führt, ein Terrain, ganz nach Art der 1848 historisch gewordenen Berliner »Rehberge«: Sand und wieder Sand, von nichts unterbrochen als von einem gelegentlichen Büschel Strandhafer und jenen nesterartigen Löchern, die die vordem hier zahlreichen Krähen aufzukratzen pflegten. Kurzum: märkische Ödnis in Reinkultur.

Aufstieg und Fall: Alexander Gentz (1825–1888), Porträt, um 1870

Quelle: Fritz Hagen: Alexander Gentz. Aufstieg und Fall einer Neuruppiner Kaufmannsfamilie, Neuruppin 1931.

Die Urbachmachung startete 1857. Die ersten Bauten wurden ein Jahr später um einen rechteckigen Hof errichtet: Stallungen und Unterkünfte für die Landarbeiter sowie ein Inspektorenhaus, eine Scheune und eine Brennerei.

Im Herbst 1859 begann Alexander Gentz mit der Gestaltung einer Garten- und Parkanlage, für den kostspielige Erdarbeiten und Baumankäufe vonnöten waren. Gepflanzt wurden Eschen, Pappeln, Eichen, Linden, Kastanien, Birken sowie Weiß- und Rotbuchen – insgesamt 549.080 Bäume [Turmknopfurkunde]. Aus seinem Anspruch machte Alexander Gentz keinen Hehl: „Hiermit will ich die Feldmark in großen Dimensionen decoriren und mache die Prätension dass meine Schöpfungen des Fürsten Pückler an die Seite gestellt werden kann“ [Gentz, 1873]. Als Gentz Pückler in Branitz treffen wollte, ließ sich der Fürst aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen.

Die gartenarchitektonischen Bemühungen fanden durchaus Anerkennung. Die Verteilung der Rasenflächen und Busch innerhalb derselben, die Gruppierungen von Nadel- und Laubhölzern, endlich die Auswahl der letzteren in Bezug auf Wechsel in der Farbe des Laubes je nach Jahreszeit – all das ist Resultat eines geläuterten Geschmacks, zitiert Fontane in einer Fußnote der „Wanderungen“ einen anonymen Zeitgenossen.

Ungeachtet dessen wurde Gentzrode von vielen Zeitgenossen als ein ökonomisches Wagnis beurteilt. Weil die Bodenverhältnisse ungünstig waren, zweifelten auch Guts- und Forstexperten, ob es nicht besser gewesen wäre, so Jager, wenn der Kaufmann Gentz „bei ´seinen` Geschäften geblieben wäre, anstatt sich auf für ihn unbekanntes Terrain vorzuwagen.“ Tatsächlich scheiterten einige Versuche, aus landwirtschaftlichen Erträgen die notwendigen Gewinne zu generieren. Die Maulbeerpflanzungen und die Seidenzucht blieben ebenso unter den Erwartungen wie die Schafts- und Rinderzucht. Mehr Erfolg und vor allem Aufmerksamkeit erzielte Gentz mit seiner Baumschule. Er verstand es, die widrigen Bodenbedingungen als eine Art „Gütesiegel“ seiner Gewächse zu vermarkten. Seine Produkte genossen den Nimbus, relativ robust und wenig anspruchsvoll zu sein. Sogar Bismarck ließ sich Eichen aus Gentzrode nach Friedrichsruh liefern. Wenn das keine Referenz war.

Auf „Kahlenberge“: ehemaliger Kornspeicher mit Wohnturm (li.), 2018

Foto: Robert Rauh (Drohne)

Der „verwirrende“ Name

Bereits während des Ankaufs der Grundstücke auf dem Kahlenberge suchte die Familie nach einem geeigneten Namen für das Sandwüsten-Projekt auf der Neuruppiner Feldmark. „Kahlenberge“ kam nicht in Frage, weil Gentz das Gegenteil schaffen wollte. Diskutiert wurden zunächst die Bezeichnungen „Gentzhof“ oder „Gentzruhe“. Sohn Alexander schlug „Helenhof“ vor, weil seine Frau so hieß.

Die Familie entschied sich letztlich für eine Bezeichnung, die ein Freund des Bruders Wilhelm vorgeschlagen hatte. Der Freund hatte oft im Harz gelebt und „verfiel auf den Namen Gentzrode“. Einstimmig sei „er seiner Bedeutung gemäß als treffendste Bezeichnung von uns Allen acceptirt“ worden [Turmknopfurkunde].

Gegen diese Wahl polemisiert ungewöhnlich ausführlich der Wanderer: Dieser sehr anfechtbare Name „Gentzrode“ war das Resultat langen Suchens, was man ihm leider auch anmerkt, schreibt Fontane in den „Wanderungen“. „Helenenhof“ wäre zwar durchschnittsmäßig, aber wenigstens richtig gewesen. Man war jedoch mit dem Einfachen und Natürlichen nicht zufrieden und forschte nach etwas Besserem. „Gentzrode“ sei jedoch, um es zu wiederholen, ein so schlecht gewählter Name wie nur irgend möglich. Weil er in doppelter Hinsicht verwirrend sei: Erstlich gab es auf den Kahlenbergen überhaupt nichts zu „roden“, gerodet kann immer nur da werden, wo Wald ist und nicht auf einer Sanddüne. Was aber fast noch schlimmer ist, ist das, dass jeder, der den Namen hört, Gentzrode da suchen wird, wo die »rodes« zu Hause sind, also im Harz, nicht aber im Ruppinschen. Eine solche willkürliche Namensgebung ist, auf geographische Orientierung angesehen, nicht viel besser als ein falscher Wegweiser. Wegweiser nach Gentzrode gibt es bis heute nicht.

Einst als sowjetische Kaserne genutzt: Herrenhaus Gentzrode, Reste der Kasernenbauten (re. Bildhälfte) und der Schornstein des Heizhauses (re. im Hintergrund), 2018

Foto: Robert Rauh (Drohne)

Kornspeicher mit Wohnturm

Aber dank Navi bedarf es keine Hinweisschilder mehr. Erreicht man das ehemalige Gut von der Landstraße zwischen Neuruppin und Kunsterspring, passiert man zunächst einen schmalen Weg, der sich – zum Teil mit Feldsteinen gepflastert – durch den einsamen Wald schlängelt, vorbei an alten riesigen Eichen, welche die Allee zum Gut säumten.

Die ersten Häuser, die man dann zu sehen bekommt, sind aus einer ganz anderen Zeit. Bis 1993 war Gentzrode eine sowjetische Kaserne, eine komplett abgeschirmte Kleinstadt mit autonomer Infrastruktur, in der vermutlich bis zu 5000 Menschen lebten. Versorgt wurden sie durch ein Heizhaus, dessen Schornstein noch immer in den märkischen Himmel ragt. Die sowjetischen Militärs nutzten auch die Häuser der Familie Gentz, die sich Anfang der 1860er-Jahre entschieden hatte, das Gut auch für Wohnzwecke zu nutzen.

Es konnte nicht ausbleiben, dass bei diesem beständigen Wachsen von Gentzrode das Interesse der Gentzschen Familie ganz in dieser Lieblingsschöpfung aufging, und schließlich dahin führte, […], Gentzrode nicht bloß als Villeggiatur der Familie, sondern als Wohnsitz überhaupt anzusehen. Dazu war aber ein Hausbau ganz unerlässlich. So entschloss sich Alexander Gentz 1861 einen Kornspeicher mit einem „thurmartigen Anbau“ errichten zu lassen [Turmknopfurkunde].

Beauftragt wurde der Architekt Carl von Diebitsch, der bereits dem Neuruppiner Tempelgarten sein Gepräge gab. Im Gegensatz zum Tempelgarten wurde beim Kornspeicher auf maurisch-orientalische Anklänge jedoch verzichtet. „Mit seinen kleinen Fensteröffnungen, den Zinnenkränzen und Giebeln“, schreibt Jager, reihe sich das Bauwerk „in jene neogotische Ziegelbauten der Mark, wie sie im Zuge er Babelsberg-Rezeption um die Jahrhunderte vielerorts realisiert worden sind.“ Gentz war mit der Ausführung zufrieden, beklagte aber: „Das Gebäude, jetzt in seiner Vollendung von allen in Gentzrode das schönste, hat vielleicht nur den Fehler, dass es zu theuer geworden ist.“ Schuld sei „der Thurm, ein außergewöhnlicher Bau“. In der Tat.

Ein „außergewöhnlicher Bau“: Kornspeicher mit Wohnturm (li.) ohne Turmdächer, 2018

Foto: Robert Rauh

Kornspeicher mit Wohnturm, Fontanes Skizze, 1864 [Notizbuch A1, 44r]

Quelle: Digitale Notizbuchedition, hrsg. von Gabriele Radecke

Wie es im Innern aussah, verdanken wir einer Beschreibung Fontanes. Im Erdgeschoss befand sich der Empfangssalon. Man hat hier alles in Bild und Schrift beisammen, die Personen und die Gedanken, die Gentzrode seinerzeit entstehen ließen. Es ist eine dunkelgrüne runde Halle, oben mit goldenen Sternen bemalt. Zwischen den Wandbildern finden sich Versinschriften wie diese: Wer Großes schafft, muss viele Plagen / Mit zähem Muthe fest ertragen. / Auch Dem, der hier den wüsten Sand / Der Kahlenberg‘ in urbar Land / Verwandelt hat mit Müh und Fleiß, / Ihm machte man sein Streben heiß.

Das runde Turmzimmer im Erdgeschoss ist erhalten. Die abblätternde Farbe an den Wänden, die Kaminreste und das noch erhaltene Deckengewölbe verleihen dem runden Raum heute allerdings einen morbiden Charme. Schaut man sich die Wände genauer an, findet man Reste der grünen Wandbemalung, an einer Stelle sogar den Schriftzug „Gentz“ und das Geburtsdatum von Johan Christian Gentz: „26. Juli 1794“.

Morbider Charme: Ehemaliger Salon im Wohnturm, 2018

Foto: Robert Rauh

Fontane war schon früher in Gentzrode

Fontane hat den Wohnturm während seines Besuches in Gentzrode 1864 in seinem Notizbuch gezeichnet. Dieser Aufenthalt war bisher nicht bekannt, weil man in der Forschung davon ausging, dass er erst 1873 – in Vorbereitung auf die dritte Auflage der „Grafschaft Ruppin“ von 1875 – nach Gentzrode gereist sei. Wie die Notizbuch-Edition nun aber belegt, hielt sich Fontane bereits im Sommer 1864 in Gentzrode auf, weil er über die Neuschöpfung der Familie Gentz in der zweiten Auflage von 1865 in dem Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ wenigstens kurz informieren wollte.

Der eigentliche Abriss über Gentzrode entstand in zwei Etappen. Für die dritte Auflage von 1873 beschrieb Fontane die Entwicklung bis in seine Gegenwart. Gentzrode wurde dabei keinem Teil untergeordnet, sondern bildete am Ende der Grafschaft Ruppin einen eigenständigen Abschnitt. Fontane nutzte hierfür exklusiv eine Abschrift der sogenannten Turmknopfurkunde von Alexander Gentz, der den Autor seit 1860 bei seinem Wanderungen-Projekt vielfältig unterstützte.

Gentz begleitete Fontane auf seinen Fahrten, stellte dem Wanderer sogar ein Fuhrwerk zur Verfügung, half ihm bei seinen Recherchen und stellte Kontakte her. Er begutachtete auch das Manuskript über seinen Vater und hatte keine Bedenken, wie aus Fontanes Dankesbrief vom Januar 1874 hervorgeht. Aber sie hatten die Rechnung ohne die Familie gemacht. Alle Anverwandten des Hauses Gentz (Gott sei Dank mit Ausnahme der beiden Söhne) seien empört über das, was Fontane über den alten Gentz geschrieben hatte, teilte Fontane seiner Vertrauten Mathilde von Rohr im April 1874 mit. Das wiederum hatte den Autor empört. Nach meiner aufrichtigsten Meinung müssten sie mir ein Denkmal errichten oder eine „Stiftung“ für meine Kinder ins Leben rufen.

Für die fünfte, die „Wohlfeile Ausgabe“ von 1892, wurde der Gentzrode Teil erheblich erweitert. Fontane konnte nun auch über den vier Jahre zuvor verstorbenen Alexander Gentz schreiben, der die Familie erst in den Ruin getrieben und dann Gentzrode verloren hatte.

Bisher unbekannte Reise „durchs Ruppinsche“: Fontanes Notizbuch, Cover, 1864 (u.a. Gentzrode, vorletzter Ort)

Quelle: Digitale Notizbuchedition, hrsg. von Gabriele Radecke

„Schloss“ statt Herrenhaus

Bald reichte Alexander Gentz der Wohnturm nicht mehr aus. Nach dem Tod seines Vaters 1867 reifte bei ihm der Entschluss zum Bau eines repräsentativen Herrenhauses, für das er den Behörden 1874 erste Entwürfe vorlegte. Wieder konnte es nicht groß genug sein, wie der Bruder Wilhelm, der schon damals, einigermaßen kopfschüttelnd, dem allen zusehen mochte, Fontane auf eine Anfrage schriftlich mitteilte. „Er ging nun die Herren Gropius und Schmieden [Martin Gropius gründete mit dem Architekten Heino Schmieden 1865 das Büro „Gropius & Schmieden“] um einen andern Plan an. Dieser kam [Frühjahr 1876] und gefiel ihm. Er war mehr oder weniger orientalischem Geschmacke angepasst und diesem neuen Plane gemäß, ward denn auch beschlossen, mit dem Bau zu beginnen. Zuvor aber erschien meinem Bruder Alexander, und von seinem Standpunkt aus mit Recht, eine Erhöhung des Terrains nothwendig und zwar ›imposanteren Aussehns halber‹. Viele Tausende wurden dafür ausgegeben. Schmieden erzählte mir später, es sei ihm angst und bange geworden bei den Ausgaben, die das alles verursacht habe. […]“

Ungeachtet dessen bezog Alexander seinen Bruder Wilhelm und dessen Kenntnisse über die arabische Architektur in die Planungen ein. Wilhelm begutachtete auch die Pläne des Architekturbüros und befand, so Jager, dass die Zeichnungen von Schmieden durchaus orientalisch seien. Entstanden ist ein Gebäude, das der Neuschöpfung Gentzrode eine architektonische Krone aufsetzte und das im Ruppiner Land kein Vorbild besaß. Nur hinsichtlich der Bezeichnung befand es sich in der Tradition vieler Gutshäuser in der Mark. Statt Herrenhaus sprach man vom „Schloss Gentzrode“. Wenn schon denn schon.

Gentzscher Größenwahn: „Schloss Gentzrode“, Postkarte, ca. 1915

Archiv: Rauh

Nach Abzug der Russen: Herrenhaus Gentzrode versinkt in den Dornröschenschlaf, 1994

Foto: Günter Rieger

Die aufwändig gestaltete und nach Westen gelegene Hauptfassade weist eine Staffelung der Baukörper auf. Der große dreiachsige Mittelbau überragt dabei die übrigen Bauteile, die sich nördlich und südlich anschmiegen. Fontane verzichtet auf eine Beschreibung, spricht stattdessen nur kurz von einer Prachtschöpfung und lässt Alexander ganz groß erscheinen: »Gestehe, dass ich glücklich bin«, konnte der Herr auf Gentzrode, wenn er Umschau hielt, wie König Polykrates ausrufen.

Vom Wohnturm ist das südlich gelegene Herrenhaus nur einen Steinentwurf entfernt. Trotz Zerfall ist die Struktur des Gebäudes erstaunlich gut zu erkennen. Durch ein rostiges, offen stehendes Tor gelangte man bis vor ein paar Jahren (2017/18) durch Gestrüpp zum Haupteingang, den man über ein paar Stufen erreicht. Die Eingangshalle glich damals einer Tropfsteinhöhle.

Überreste eines Ziegelkamins sind die einzigen Hinweise auf die frühere stilvolle Ehrwürdigkeit des Raumes. Ansonsten prägen Schwammpilze, aufgedunsenes Holz und Graffiti das Bild. In manchen der angrenzenden Räume ist die Decke heruntergekommen: riesige Balken hängen herab wie Mikadostäbe, durch die Decke und halb zugenagelten Fenster gelangt ein wenig Licht, in dessen Strahlen dichte Wolken aus Staubkörnern tanzen.

Das Obergeschoss, das man über eine stabile, von den Sowjets eingebaute Steintreppe erreicht, klaffen beträchtliche Löcher im Boden. An einer Stelle geht der Blick bis zum Keller. Es ist ein Blick in den Abgrund. Zwangsläufig denkt man an Gentz. Als kluger Geschäftsmann muss er den finanziellen Abgrund gesehen haben. Aber es spricht vieles dafür, dass er ihn nicht wahrhaben wollte. Und dann ins Bodenlose stürzte.

Durchs Gestrüpp: Eingang zum Herrenhaus, 2017

Foto: Robert Rauh

Ins Bodenlose: Zerfall im Herrenhaus, 2018

Foto: Robert Rauh

Der Absturz

Nur drei Jahre waren Alexander Gentz in seinem luxuriösen Orientpalast vergönnt. Er stand auf der Höhe seines Glückes. Er hatte den vollen Glauben an sich und seinen Stern, und der Gedanke lag ihm fern, dass eine Wendung der Dinge je kommen, ihn niederwerfen und demütigen könne. Gegen Warnerstimmen, an denen es nicht fehlte, war er taub, wie jeder in gleicher Lage – der Glückswagen, der ihn trug, musste sein Ziel erreichen oder in Stücke gehen. Ein Aufhalten gab es nicht. Und so kam die Katastrophe. Im Juni 1880 wurde das Konkursverfahren eröffnet. Bereits ein Jahr zuvor hatte ihm sein Bruder Wilhelm jegliche Unterstützung entzogen.

Wie ist die Pleite zu erklären? Von Anfang an war Gentzrode ein Subventionsobjekt. Weder das Gut noch die Baumschule deckten die hohen Investitionskosten. Als das Torfgeschäft aufgrund der Umstellung auf Kohle als Energielieferant seit Mitte der 1870er Jahre einzubrechen begann, rutschte Gentz in die Zahlungsunfähigkeit. Hinzu kamen wenig erfolgreich verlaufende Aktiengeschäfte, die das Gentzsche Unternehmen schon beim Gründerkrach 1873 in Turbulenzen gestürzt hatten. Schritt für Schritt verlor Alexander Gentz seinen Besitz: Erst wurden sein Haus in Neuruppin und die Kunstsammlung versteigert, dann musste der Tempelgarten und schließlich Gentzrode verkauft werden.

Als wäre das nicht Strafe genug, erhob das Neuruppiner Landgericht Anklage wegen betrügerischen Bankrottes und Gentz wurde zwölf Wochen in Untersuchungshaft genommen. Das Verfahren wurde im Februar 1883 eröffnet. Obwohl Gentz sämtliche Transaktionen eindeutig nachweisen und innerhalb von sechs Wochen alle Gläubiger auszahlen konnte, wurde er im Juni zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Ein Jahr später hob das Leipziger Reichsgericht das Urteil auf, sprach ihn von allen Vorwürfen frei und kritisierte das Neuruppiner Gerichtsverfahren. Es war zu spät; im Ruppiner Land hatte Alexander Gentz ausgedient.

1886 verließ er mit seiner Familie Neuruppin und zog nach Stralsund, wo er eine Fischkonservenfabrik erwarb und zwei Jahre später verstarb. Auch Fontane kommt zu einem Urteil. Ja, er war schuldig, aber lange bevor ihn das Gericht verurteilen konnte, war er schon verurteilt durch die Gefühle seiner Mitbürger. Und wird in seinem Fazit grundsätzlich: Alexander Gentz war das Opfer großer Unternehmungen, die, wenn auch vorwiegend zum eigenen Nutzen unternommen, doch schließlich der Gesamtheit von Stadt und Land zugutegekommen waren. Dem trug man nicht Rechnung. Sein Fall, statt Mitleid zu wecken, weckte nur Freude, denn kein Jubel ist größer, als der Jubel derer, die – nachdem man über sie gelacht – sich schließlich als die Klügeren oder doch jedenfalls als die Siegreichen erweisen.

Grüner Schriftzug „Gentz“ an der Wand: Ehemaliger Salon im Wohnturm, 2017

Foto: Robert Rauh

 

Zitation

Titelbild

  • Herrenhaus Gentzrode, 2019; Foto: Robert Rauh

Weblinks

  • Radecke, Gabriele / Rauh, Robert: Das geheimnisvolle Gentzrode, 2018; in: Fontanes Wanderungen (Website).
  • Fontane, Theodor: Notizbücher. Digitale Edition, hrsg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2015–2020 [Notizbuch A1].
  • Gut Gentzrode; in: Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Website).

Literatur

  • Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Theil. Die Grafschaft Ruppin. Barnim=Teltow, 2. vermehrte Auflage, Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1865.
  • Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin, hrsg. von Gotthard Erler und Rudolf Mingau, Große Brandenburger Ausgabe. 2. Aufl., Aufbau-Verlag, Berlin 1994.
  • Gentz, Alexander: Gentzroder Turmknopfurkunde, 1861/62; zit. nach: Abschrift von 1926, Museum Neuruppin, Inventarnr. 3286.
  • Gentz, Alexander: Zur Geschichte der Familie Gentz, Typoskript von 1873, Museum Neuruppin, Inventarnr. 3286.
  • Hagen, Fritz: Alexander Gentz. Aufstieg und Fall einer Neuruppiner Kaufmannsfamilie, Neuruppin 1931.
  • Jager, Markus: Schloss Gentzrode, hrsg. vom Freundeskreis Schlösser und Gärten der Mark, Berlin 2004.
  • Rauh, Robert: Fontanes Ruppiner Land, BeBra, Berlin 2019.
  • Rockel, Irina: Gentzrode, Edition Rieger, Karwe 2020.

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