von Holger Teschke, Schriftsteller
EUROPAS UNTERGANG. Der Brückenbau über den Kanal ist fertig, die Horden ergießen sich über das letzte Asyl der Freiheit. Eine Arche Noah stößt mit den letzten freien Menschen vom Ufer, um dem Ararat im Westen zuzusteuern. Ihr Wehgesang. Gesang der Geister über dem Wasser. Aufstand der Elemente. Untergang Europas durch die Wassermassen, die hereinbrechen. Der Herr steht zuletzt auf dem Mont-Blanc, Angst und Frost erstarren ihn, so steht er auf dem Felseneiland, dem Überbleibsel Europas, nicht vom Doppeladler, nur vom Steinadler umkreist. Die Schiffe der neuen Welt meiden diese Stelle.
Dieses apokalyptische Fragment aus dem Jahr 1846 erinnert eher an eine Alptraum-Szene von Heiner Müller als an die Prosa des jungen Fontane. Eine Skizze, die er nicht ausgeführt hat, die aber wie ein dunkler Vorläufer zu den sagenhaften Bildern seines letzten Romans „Der Stechlin“ wirkt, in dem die Wasser-Zeichen aus dem märkischen See auf den Untergang der Welt Dubslav von Stechlins deuten.

„Wasser-Zeichen aus dem märkischen See“: Stechlinsee
Foto: Holger Herschel, 2019
In einem letzten Gespräch beschreibt der Gutsherr von Stechlin dem Pastor Lorenzen, wie er sich die zukünftigen Bälle im Herrenhaus bei seinem Sohn Woldemar vorstellt: „Und dann gibt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit seiner langen Mähne über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube sitzen andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten, obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi, und Marx und Lassalle, die aber wenigstens tot sind, und daneben Bebel und Liebknecht.“
Mit diesen Namen beschreibt Fontane seine eigenen politischen Zukunftserwartungen. Es ist kein Wunder, dass er sich am Ende seines Lebens an den revolutionären Traum erinnert, für den er im März 1848 auf die Berliner Barrikaden gegangen war. Erst vierzig Jahre später wird dieser Traum mit einer selbstbewussten Arbeiterklasse und ihren politischen Vertretern im Reichstag Wirklichkeit werden. Aber Fontane hat in den Borsigschen Maschinenfabriken auch schon die Hölle der Industrialisierung gesehen, wie sie sein Freund Adolph von Menzel im „Eisenwalzwerk“ 1875 als das Tryptichon der neuen Zeit gemalt hat. Hinter dem unaufhaltsamen Vormarsch der Industrialisierung zeichneten sich schon vor der Jahrhundertwende ihre dunkle Seiten ab: die zunehmende Ausbeutung des Proletariats, Aufrüstung und Umweltzerstörung um jeden Preis und die Vorbereitungen auf einen Krieg, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.

„Hölle der Industrialisierung“: Adolph von Menzel: „Eisenwalzwerk“, Gemälde, 1872–1875 (Alte Nationalgalerie Berlin)
Foto: Sebastian Kahn (Ausschnitt)
Die Niederlage in diesem Krieg wird 1918 das alte Preußen stürzen, das Haus Hohenzollern zur Abdankung zwingen und die deutsche Arbeiterklasse auf verhängnisvolle Weise spalten. Fontane sah die Ursachen dafür schon in seinen Jugenderinnerungen „Von Zwanzig bis Dreißig“ im Kapitel „Der 18. März“ voraus: Aufs Politische hin angesehen, war in unserem gesamten Leben alles antiquiert, und dabei wurden Anstrengungen gemacht, noch viel weiter zurückliegende Dinge heranzuholen und all dies Gerümpel mit einer Art Heiligenschein zu umgeben, immer unter der Vorgabe, „wahrer Freiheit und gesundem Fortschritt dienen zu wollen“.
Theodor Fontane war Zeit seines Lebens ein Wanderer zwischen den Welten und das nicht nur im geographischen Sinn. Er wanderte vom Ruppiner Land seiner Kindheit bis ins Berlin der Gründerjahre, von der beschaulichen Sicherheit der Apotheken und Zeitungs-Redaktionen in die kalte Freiheit des Auslands-Korrespondenten und Kriegsberichterstatters, aus den Hinterhöfen der Mietskasernen in die Berliner Salons und auf das glatte Parkett von Literatur und Theater. Es ist in diesem Jubiläums-Jahr oft betont worden, dass der alte Fontane nur scheinbar abgeklärt und weltweise gewesen sei, in Wirklichkeit aber gerade im seinem Spätwerk zu den revolutionären Ideen seiner Jugend zurückgekehrt wäre. Theodor Fontane – ein politischer Schriftsteller? Um diese Frage wenigstens ansatzweise zu beantworten, ist es aufschlussreich, seinen Lebensweg unter diesem Aspekt zu betrachten.

Wanderer zwischen den Welten: Fontane-Denkmal in Neuruppin von Max Wiese (1907)
Foto: Holger Herschel, 2019
Im Jahr 1846, aus dem das eingangs zitierte Fragment stammt, versuchte Fontane sich an einer „Hamlet“-Übersetzung und an seinem ersten Stück, einem Drama um das Ende Karl Stuarts 1649 nach dem Sieg von Cromwells „Glorreicher Revolution“. Karl Stuart stand bei Fontane für Friedrich Wilhelm IV., Cromwells Puritaner für eine siegreiche bürgerliche Revolution, von der die Bürger in Preußen träumten. Im April 1847 kam es in Berlin zu der sogenannten „Kartoffel-Revolution“, nachdem die Händler wegen Missernten und Knollenfäule die Preise für Kartoffeln und Getreide vervierfacht hatten. Zwar sorgte das Militär umgehend wieder für „Ruhe und Ordnung“ und der Berliner Magistrat für moderate Preisregulierungen, aber der Unmut der Bevölkerung ließ sich dadurch nicht besänftigen. Es ging längst um mehr als nur um Kartoffeln. Marx und Engels beschrieben die welthistorische Dimension dieses Konflikts in ihrem „Manifest der Kommunistischen Partei“, das im Februar 1848 erschien. Nach dem Ausbruch der Februar-Revolution von 1848 in Paris und der Abdankung König Louis-Philippes flammten auch in Berlin und anderen deutschen Städten revolutionäre Bewegungen auf.
Es gab Demonstrationen in Heidelberg, Mannheim und Köln. In Sachsen, Hessen und Württemberg wurden konservative Minister entlassen und sogar der König von Bayern versprach politische Reformen. Am 9. März stürmte eine Menschenmenge das Berliner Rathaus und forderte Freiheitsrechte in Politik und Presse, die der aufgeschreckte Magistrat eilends versprach. Am 13. März versammelten sich mehr als 20 000 Menschen „ In den Zelten“ und verlangten mehr: bessere Löhne für die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Fabriken, Bauernbefreiung und ein Ende der Exzesse von Wucher und Spekulation durch die „Herren des Capitals“. Nach dem Sturz Metternichs am 15. März in Wien gab Friedrich Wilhelm IV. unwillig nach und versprach eine Verfassung. Die Berliner zogen auf den Schlossplatz, um ihren Sieg zu feiern. Plötzlich aber fielen Schüsse und das Militär ging mit Bajonett und Säbel gegen die Versammelten vor. In kürzester Zeit entstanden Barrikaden und ein blutiger Straßenkampf begann. Auf einer dieser Barrikaden stand Theodor Fontane – wenn auch nur für kurze Zeit und mit einem Theater-Gewehr aus der Königstädter Bühne. Die Ungleichheit der Waffen forderte ihren Preis.

Blutiger Straßenkampf: Barrikade in der Breiten Straße in Berlin in der Nacht vom 18./19. März 1848, kolorierte Lithographie, Druck im Verlag Winckelmann, ca. 1848
Quelle: Deutsche Digitale Bibliothek
Am Ende der Kämpfe zählte man am 18. März 1848 über 300 Tote, darunter viele Frauen und Kinder. Vor diesen Toten musste Friedrich Wilhelm IV. sich öffentlich verneigen. Adolph von Menzel sollte ihre Aufbahrung vor dem Deutschen Dom in einem Gemälde festhalten. Nach der Beisetzung der Märzgefallenen und wiederholten Versprechungen des Königs, freie Wahlen und eine preußische Nationalversammlung zu gewähren, sah sich das Bürgertum am Ziel ihrer Wünsche und jubelte über ein angeblich „freies und vereintes Europa“. Aber kaum waren die Revolutionäre von den Barrikaden in die Wahllokale geeilt, begann die Reaktion mit den Vorbereitungen zur Konterrevolution. Der Prinz von Preußen kam aus seinem Londoner Exil zurück und organisierte mit dem gerade aus dem Deutsch-Dänischen Krieg zurückgekehrten General Wrangel den Gegenschlag. Am 10. November 1848 ließ Wrangel 13 000 Soldaten auf dem Gendarmenmarkt aufmarschieren, wo die preußische Nationalversammlung im Königlichen Schauspielhaus tagte. Die Nationalversammlung wurde gewaltsam aufgelöst und die versprochenen Freiheitsrechte kassiert.
Die Frage, warum die Revolution von 1848 scheiterte, beschäftigte Fontane bis zu seinem Tod. Er klagte angesichts der offiziellen preußischen Geschichtsschreibung: Aber vom Aufhellen der Ereignisse keine Rede; das Dunkel und die Widersprüche werden auch bleiben. Schon der gegenseitige Parteistandpunkt schließt das Licht aus, man will dieses Licht nicht einmal.
Die Sieger schrieben damals wie heute die Geschichte und beanspruchten herrisch die Deutungshoheit über Vergangenheit und Zukunft. Dementsprechend nüchtern fiel Fontanes Urteil über die nach der Revolution zugestandenen Freiheiten in seinen Erinnerungen aus: Eine Volksvertretung sollte berufen und durch diese dann die „Verfassung“ festgestellt werden. Bekanntlich kam es erheblich anders und das Endresultat … war nicht eine vom Volkswillen diktierte, sondern eine ‚oktroyierte Verfassung‘. Es ist immer mißlich, wenn die Freiheitsdinge mit etwas Oktroyiertem anfangen.
Die Erfahrung der gescheiterten Revolution und ihrer Folgen prägen Fontanes Romane, so wie sie die deutsche Kunst und Gesellschaft nach 1848 prägten. Die Fortsetzung einer kleinstaatlich-reaktionären Politik und der fehlende Nationalstaat verschärfte den Widerspruch zwischen militärischer und wirtschaftlicher Stärke Preußens und seiner politischen Zweitrangigkeit in Europa und in der Welt. Dieser Widerspruch bestärkte die reaktionären Kräfte in ihrem Bestreben, ihn nach innen zunehmend autoritär und nach außen durch Kriege zu lösen.
Fontane versuchte den Folgen dieser Politik zu entkommen, indem er 1852 als Korrespondent nach London ging und den Weg in die Literatur wählte. Der berühmte Religions- und Sprachwissenschaftler Max Müller, der ihn seit 1841 kannte, sagte später bedauernd: „Er hätte ein anderer Heine werden können.“ Fontane schätzte an Heine den keck-phantastischen Ton, der uns in das Grauen hineinscherzt und schlug diesen Ton noch in seinen späten Romanen an. Er ging nicht wie Heine ins Exil, sondern auf Reisen – von der Mark Brandenburg bis nach England und Schottland, von Berlin bis nach Rom und Florenz. Mehr als Weisheit aller Weisen / Galt mir: Reisen, reisen, reisen. reimte er. Durch das Reisen wollte er sich seinen Reim auf die Welt machen. Fontane wusste, dass diese Welt nicht an den preußischen Zollgrenzen zu Ende war und kannte das Verdikt seines Zeitgenossen Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die von Leuten, die die Welt nicht angeschaut haben.“
Allerdings brauchte man damals wie heute dazu das nötige Reisegeld. Darum ließ Fontane sich immer wieder auf Anstellungsverhältnisse bei Regierungsstellen und Zeitungen ein, die ihm diese Reisen möglich machten, auch wenn er deren politische Direktiven nicht teilte. Es waren nicht nur seine Geld-Calamitäten, die ihn zwangen, sich auf diese Anstellungen einzulassen. Was hilft politische Radikalität, wenn die schweigende Mehrheit sich vor den Karren der Konterrevolution spannen lässt oder mitläuft? Fontane war zu sehr Realist, um sich in dieser Situation als Revolutionär zu gebärden.

„Was bleibt von diesen Utopien?“: Fontane-Denkmal in Berlin-Tiergarten von Max Klein (1910)
Foto: Holger Herschel, 2019
Ihn faszinierte die Literatur, die beides vermag: das Vertraute und das Fremde zusammenzubringen und zu zeigen, wie tief das Vertraute im scheinbar Fremden wurzelt. Die Dialektik der Aufklärung am Wanderstab und der Weltgeist zu Pferde interessierten ihn ein Leben lang. Napoleon Bonaparte und Bismarck spielen in seinen Romanen allerdings eine größere Rolle als Diderot oder Kant. Fontane verteidigte zeitlebens die Ideen der deutschen und französischen Aufklärer mit Humor und Hintersinn. Preußen, in dem die Philosophen und die Dichter ihren Platz unter dem Pferdehintern von Rauchs Reiterstandbild von Friedrich II. hatten, war bereits zu Fontanes Zeiten auf dem schlechtesten Weg, diese Ideen als Phrasen für sehr reale Kriegsvorbereitungen zu missbrauchen. In der Politik gewiß und in Religion und Moral ist alles Phrase, konstatierte er 1898 in einem Brief an seine Frau. Früher statuierte ich Ausnahmen, jetzt kaum noch. Dagegen setzt er seine Hoffnung immer wieder auf Toleranz, Mitgefühl und Lebenserfahrung, wie sie der alte Stechlin verkörpert: Unanfechtbare Wahrheiten gibt es keine, und wenn es welche gibt, dann sind sie langweilig. Auch daran muss in Zeiten von „Alternativloser Politik“ und der „Alternative für Deutschland“ erinnert werden, denn beide sind schließlich nur zwei verschiedene Seiten der gleichen neoliberalen Ideologie.
In den Jahren als Korrespondent im Dienst der Regierung in London, als Redakteur der „Neuen Preußischen Zeitung“, als Kriegsberichterstatter und als Theaterkritiker für die „Vossische Zeitung“ bis 1889 hat sich Fontane immer als Schriftsteller und nicht als angestellter Journalist verstanden. Das war auch eine Schutzbehauptung, um mit dem Widerspruch zwischen den eigenen politischen Ansichten und der seiner Chefs fertig zu werden. Dennoch wurde dieser Widerspruch zu einem Leitmotiv seines Schreibens. Er zeigt den Konflikt eines politisch progressiven Künstlers, der ahnt, dass mit einer Revolution zu seinen Lebzeiten nicht mehr zu rechnen ist und der dennoch nur mit der Hoffnung schreiben kann, dass sie eines Tages auch in Preußen stattfinden wird.
In Fontanes Nachlass findet sich ein ausführlicher Plan zu einem revolutionären historischen Roman nach der Geschichte des Freibeuters Klaus Störtebeker mit dem Titel „Die Likedeeler“, in dem er die Geschichte der mittelalterlichen Kaperbruderschaften als eine seeräubernde Gemeinschaft von Gleichen schildern wollte. Darin findet sich der Entwurf einer Rede Magister Wigbolds, des Gelehrten unter den Gleichteilern, den er fragen lässt: „Wer sind die Friedfertigen? Sind die Hansischen die Friedfertigen? Wir standen in ihrem Dienst. Da durften wir alles thun und es war nichts anderes als was wir jetzt thuen. Aber damals war es gut und recht und billig, weil der hohe Rath mit dem Kopf dazu nickte, weil er Vorteile davon hatte, und jetzt, wo sich’s gegen ihn richtet, soll es wider Gottes Willen sein. [ …] Bloß, daß wir’s nicht festhalten, wir geben es weiter, wir sind nicht friedfertig, aber wir sind die, die barmherzig sind. Wir geben und spenden.“
Damit stellt Wigbold auch die Frage nach der Legitimation von Gewalt, die Fontane nach 1848 immer wieder beschäftigt hat. Die Gewalt, die vom Staat ausging, war legitim, aber die Gewalt, mit der sich die Untertanen gegen willkürliche Staatsgewalt zur Wehr setzten, war strafbar. Erst ein Umsturz der Machtverhältnisse konnte diesen Konflikt lösen und die Rechtsordnung im Sinne der Mehrheit des Volkes ändern. Aber daran war nach 1848 in Preußen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr zu denken.

Geschichte einer „seeräubernden Gemeinschaft von Gleichen“: Theodor Fontane: Die Likedeeler (Romanentwurf), Titelblatt, 1938 (veröffentlicht von Hermann Fricke)
Foto: Archiv Radecke
Fontane hat den Entwurf „Der Likedeeler“, der schon weit gediehen war, zugunsten seines letzten Romans „Der Stechlin“ beiseitegelegt. Offenbar lag ihm das Lebensende des alten preußischen Landadligen mit den liberalen Ideen näher als die Gleichteiler aus dem 15. Jahrhundert. Aber der Rote Hahn, der in Zeiten von Aufruhr und Umsturz angeblich aus dem See aufsteigen sollte, war ein Artgenosse jenes gallischen Hahns, der mit der Französischen Revolution aufstieg und erst mit der Niederschlagung der Pariser Commune im Mai 1871 geschlachtet wurde. Mit Mazzini und Garibaldi, mit Marx und Lassalle, mit Bebel und Liebknecht, an die der sterbende Dubslav von Stechlin erinnert, stieg auch der Rote Hahn noch einmal aus dem Stechlin auf und krähte weithin über die märkischen Lande.
Was bleibt von diesen Utopien angesichts der gescheiterten Revolutionen in Deutschland zwischen 1848 und 1989, angesichts des Zerfalls der demo-kratischen Institutionen unter dem Druck der Finanzmärkte und des Zerfalls der demokratischen Parteien unter dem Druck der politischen Extreme? Es bleibt die Idee von einer Gesellschaft, die sich nicht als „alternativlos“ versteht, sondern in der sich die Mehrheit der ausgebeuteten und unterdrückten Menschheit im Widerstand gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg zusammenfindet und endlich einmal die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen zur Verantwortung zieht. Fontane sah nach der gescheiterten Revolution von 1848, dass sich das Finanzkapital und die von ihm abhängigen Politiker und Meinungsmacher einer solchen Veränderung mit allen Mitteln widersetzen würde, auch um den Preis des eigenen Untergangs. Seine Reaktion darauf war unmissverständlich. Mein Haß gegen alles, was die neue Zeit aufhält, ist in einem beständigen Wachsen, schrieb er im Mai 1895 an Georg Friedlaender und wenig später über die Stützen von Thorn und Altar als diese Mischung von Unverstand und brutalstem Egoismus. Sein Fazit: Sie müssen alle geschmort werden.
Wir werden heute Zeugen, wie dieser Kampf um die Aufrechterhaltung einer jahrhundertealten Hegemonie zum Konflikt zwischen den USA, Europa, Russland und China wird. Allerdings hat die Politik in Westeuropa inzwischen gelernt, dass man sich an die Spitze der jeweils stärksten Protestbewegungen setzen muss, um sie zu vereinnahmen. Nicht nur die „Klimapolitik“ der Europäischen Union ist dafür ein beredtes Beispiel. „Das Kapital ist schlauer / Geld ist die Mauer“ stand im Herbst 1989 als Graffito auf einem Segment der geöffneten Berliner Mauer. Es ist bezeichnend, dass an diesen Spruch im Jubeljahr 2019 nicht mehr erinnert worden ist und stattdessen die Friedliche Revolution in der DDR in allen Festreden und Kommentaren als „Fall der Mauer“ gefeiert wurde, als hätte es ein Erdbeben gegeben oder, wie in Fontanes Fragment, eine plötzlich hereinbrechende Sintflut. „Große Zeit ist es immer nur, wenn´s beinahe schief geht.“, sagt der alte Dubslav im „Stechlin“, „wenn man jeden Augenblick fürchten muss: Jetzt ist alles vorbei.“ Insofern leben auch wir wieder in einer großen Zeit. Es ist ein Glück, dass wir dabei noch Fontanes Romane, seine Briefe und Erinnerungen lesen können: „Der Tag gehört der Phrase, die Zukunft gehört dem Wort.“
Zum Autor: Holger Teschke, geboren 1958 auf Rügen, Studium der Schauspielregie in Berlin, Schriftsteller und Dramaturg, schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Gedichte, Übersetzungen und Theaterfassungen von Shakespeare, Fontane, Döblin, Johnson und Strittmatter, Kritikerpreis der Berliner Zeitung 1989
Zitation
- Teschke, Holger: Der Wanderer zwischen den Welten. Theodor Fontane zum 200. Geburtstag, hrsg. v. Fontane ONLINE, 15.05.2026, URL https://fontane-online.de/theodor-fontane-der-wanderer-zwischen-den-welten/
Titelbild
- Simon de Myle: „Die Arche Noah auf dem Berg Ararat“, Gemälde, um 1570
Literatur
- Busch, Anna: „Die Likedeeler“, Blog „Objekt des Monats“, hrsg. vom Theodor-Fontane-Archiv, 25.6.2022. URL: fontanearchiv.de/blogbeitrag/2022/06/25/likedeeler-fragment
- Fontane, Theodor: Fragmente und frühe Erzählungen; Nachträge, hrsg. von Rainer Bachmann und Peter Bramböck. Mit einem Nachwort von Hermann Kunisch, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1975 (Theodor Fontane: Sämtliche Werke, Bd. 24).

