Fontane in Kossenblatt oder wie ein „Wanderungen“-Kapitel entstand

von Robert Rauh und Gabriele Radecke

Ohne es zu wissen, war Fontane zur Halbzeit da. Zur Halbzeit von Schloss Kossenblatt. Sagt Ingo Schürmann, der neue Schlossherr, und schaut in die erwartungsvollen Gesichter seiner Zuhörer. Fontane konnte das nicht wissen, fügt er nach einer Pause hinzu. Denn die Rechnung stimmt nur jetzt – mit dem Blick von heute auf die über dreihundertjährige Geschichte des Hauses. Als Fontane das Schloss 1862 besuchte, existierte es bereits 150 Jahre. Und 160 Jahre später eröffnen Ingo und Maren Schürmann in Schloss Kossenblatt – zusammen mit dem neu gegründeten Förderverein – den Fontane-Saal. Die Einweihung wollen so viele Interessierte miterleben, dass die Plätze nicht ausreichen. Fontane zieht – und verbindet.

Neu eröffnet: Fontane-Saal in Schloss Kossenblatt, 31. Oktober 2026

Foto: Robert Rauh, mit freundlicher Genehmigung des Fördervereins Schloss Kossenblatt e.V.

Kossenblatt war nicht vorgesehen

Dabei hatte der Autor den Ort für seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zunächst gar nicht vorgesehen. In einer ersten Gliederung für den zweiten „Wanderungen“-Band von Februar 1861 fehlt Kossenblatt. Aber spätestens nach seinem Besuch in Kossenblatt am 2. Mai 1862 hatte Fontane vor, den Ort in den neuen Band aufzunehmen. Kossenblatt war doch ganz famos und gibt ein vortreffliches Kapitel, schrieb er einen Tag nach seinem Besuch an seine Frau Emilie. Tatsächlich erhielt das Dorf in seinen „Wanderungen“ – im Unterschied zu den in der Nachbarschaft gelegenen Kleinstädten Beeskow und Fürstenwalde – später ein eigenes Kapitel.

Allerdings landete Kossenblatt im „Oderland“-Band; obwohl das Dorf, das heute zur Gemeine Tauche bei Beeskow gehört, direkt an der Spree liegt. Und das Bild, das Fontane von dem Ort zeichnete, ist ziemlich trostlos und keine Einladung zu einem Ausflug. Schon die Strecke von Beeskow nach Kossenblatt, die Fontane mit einem leichten Wagen passierte, war ein reizloser Weg. Und das Cossenblatter Schloß – eine heute noch existierende barocke Dreiflügelanlage – ist ein imposantes Nichts, eine würdevolle Leere – die Dimensionen eines Schlosses und die Nüchternheit einer Kaserne. Aber das Schloss hat zwei berühmte Besitzer und eine schaurige Sage zu bieten.

„Schönes Schloss“ und „Kaserne“: Schloss Kossenblatt, Lithografie von Theodor Albert, ca. 1870

Zwei berühmte Schlossherren

Dass Fontane Kossenblatt seinem „Oderland“-Band zuordnete, musste er auch seinem Verleger Wilhelm Hertz erklären. Der Inhalt des zweiten Bandes liege, wenn auch nicht druckreif, im Wesentlichen vor, schrieb er am 17. Mai 1863 an Hertz. Die Orte und Landschaften seien fast alle aus dem Oderland und Oderbruch, aber eingeflochten habe er auch ein paar Sachen aus Teltow – Beeskow. Weil ihn das Leben des Feldmarschall Barfus zu einem Abstecher nach Cossenblatt (im Beeskowschen) zwang.

Zwang Fontane „zu einem Abstecher nach Cossenblatt“: Generalfeldmarschall Hans Abrecht Graf von Barfus, Gemälde von König Friedrich Wilhelm I., 1736 [seit 2025 im Schlossmuseum Königs Wusterhausen]

Hans Albrecht Graf von Barfus (1635–1704), ein Offizier und Politiker, der unter zwei brandenburgischen Kurfürsten diente, und aufgrund seiner militärischen Erfolge zum Generalfeldmarschall befördert wurde, sei von großem, kräftigem Körperbau, über sechs Fuß hoch [ca. 1, 90 m] und durchaus militärisch in Haltung und Auftreten. Selbst stattlich, legte er auch Gewicht auf Stattlichkeit, und lange bevor König Friedrich Wilhelm I. seine Riesengarde [die Langen Kerls] ins Leben rief, wusste Fontane zu berichten, verriet Hans Albrecht eine entschiedene Neigung, hünenhafte Leute, besonders Offiziere, in den preußischen Dienst zu ziehen. Er erwarb Dorf und Gut Kossenblatt 1699 und gab zwei Jahre später auf der kleinen Spreeinsel hinter dem Gutshof einen Schlossneubau in Auftrag, dessen Realisierung er aber nicht mehr erlebte. Statt seiner zog 1711 die Witwe, Albrechts zweite Frau Eleonore von Dönhoff (1664–1726), in den Neubau, der unter ihrer Ägide noch eine Vergrößerung erfährt. Die Reichsgräfin spielt auch die Hauptrolle in der schaurigen Sage, auf die wir noch zu sprechen kommen.

Von Gicht gezeichnet, malte er hässliche Bilder: König Friedrich Wilhelm I., Gemälde von Antoine Pesne, 1733

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum Kossenblatt in Fontanes „Oderland“ zu finden ist. Der Ort wurde auch Motiv für K[önigs] Wusterhausen, schrieb Fontane weiter an Hertz. Das verbindende Motiv ist kein geringerer als König Friedrich Wilhelm I. (Reg. 1713–1740), der in Königs Wusterhausen seine Herbstresidenz unterhielt und 1735 auf einer Jagd das schöne Schloß entdeckte und den Besitzer, der jüngste Sohn von Abrecht und Eleonore von Barfus, umgehend aufforderte, es abzutreten. Der König bewilligte 125000 Taler, schlug Kossenblatt zur Herrschaft Königs-Wusterhausen und überwies es, gleich nach der Übergabe, seinem zweiten Sohne, dem Prinzen August Wilhelm, so Fontane in den „Wanderungen“.

Während August Wilhelm, der jüngere Bruder Friedrichs des Großen, Kossenblatt verschmähte, verbrachte der König in seinen letzten Lebensjahren dort viele Wochen und Monate. Wenn der Ausdruck gestattet ist, meinte Fontane, der König saß hier seine Gicht ab und Kossenblatt wurde der Hauptschauplatz jener Kunstübungen, deren Resultate die bekannte Inschrift tragen: in tormentis pinxit. Gemeint sind die vom König gemalten Bilder, die so häßlich seien. Das Mildeste, was man von ihnen sagen kann, ist: sie verleugnen die Stunde ihres Ursprungs nicht. Weil sie unter Schmerzen gemalt seien. Eines der Porträts zeigt den Generalfeldmarschall und kehrte nach einer Restaurierung erst 2025 ins Schlossmuseum Königs Wusterhausen in die Öffentlichkeit zurück.

Fontane in Kossenblatt

Mit wem Fontane während seines Besuches am 2. Mai 1862 gesprochen hat, teilte er unmittelbar nach seinem Abstecher seiner Frau Emilie mit. In Kossenblatt sei er auf so viele viel versprechende Leute gestoßen. Amtmann Buchholtz in Cossenblatt, Pastor Stappenbeck ebendaselbst [und] dessen Frau und Schwägerin […] haben mir so viel erzählt, Kluges und Dummes, Interessantes und Langweiliges, daß mir der Kopf schwirrt. Ich schleppe an einem ganzen Sack voll Münzen und werde erst zu Hause die Goldpfennige von dem ganz gemeinen Dreier scheiden können.

Was Fontane in Kossenblatt gesehen hat, verrät sein Notizbuch (A 13), das auch die gesamte Oderland-Reise vom 2. bis 6. Mai 1862 dokumentiert. Der Ausflug führte ihn neben Kossenblatt auch nach Steinhöfel, von wo aus Fontane an Emilie am 3. Mai geschrieben hatte, sowie nach Beeskow und Fürstenwalde, die in den „Wanderungen“ keine Kapitel erhielten.

Oderland-Reise 1862, Fontanes Notizbuch A13, Cover

Quelle: Digitale Notizbuchedition, hrsg. von Gabriele Radecke

15 Seiten mit vier Skizzen für Kossenblatt: erste Seite, Fontanes Notizbuch A13, 4r

Quelle: Digitale Notizbuchedition, hrsg. von Gabriele Radecke

Die Notizen dokumentieren Fontanes Rundgänge durch Schloss und Kirche, wobei in beiden Gebäuden die aufgehängten Gemälde im Fokus standen. Der Lageplan vom „Zentrum“ Kossenblatts sowie die beiden Grundrisse vom Erd- und Obergeschoss des Schlosses dienen Fontane als visuelle Gedächtnisstütze für die spätere Niederschrift. Vor allem die beiden Grundrisse sind für die heutigen Besitzer eine relevante Orientierung für die historische Raumaufteilung, weil weitere Unterlagen zur Baugeschichte des Schlosses verschollen sind.

Kossenblatt-Konzept bereits im Notizbuch

Die Aufzeichnungen enthalten auch eine Besonderheit: Auf einer Seite werden die Notizen durch einen Trennungsstrich unterbrochen. Während oberhalb des Striches Spontan-Notizen von der Besichtigung stehen, befindet sich unterhalb des Striches eine erste Konzeption des Cossenblatt-Kapitels, die sich durch den säuberlichen Duktus und die Diktion von den vorangegangenen Vor-Ort-Notizen unterscheiden. Sie sind zwar noch unfertig, zeigen aber doch schon eine durchgehende Komposition, einen erzählerischen Leitfaden: die Beschreibung der Fahrt von Beeskow bis Kossenblatt, die Landschaft und das Schloss sowie die Wiedergabe des kurzen Gesprächs mit einem Jungen, den Fontane unterwegs getroffen hat. Außerdem enthält dieses Konzept konkrete Schreibanweisungen des Autors wie Dann erst, die den Erzählfluss unterbrechen. Sehr wahrscheinlich entstand diese erste Konzeption schon am 2. Mai in Kossenblatt oder in Beeskow, wo er übernachtete, um am folgenden Tag nach Steinhöfel zu reisen. Denn die Notizen aus Steinhöfel schließen sich direkt an das Konzept für Kossenblatt an.

Etwas Gefängnishaftes

Dass sich Fontane am Ende auf das Schloss fokussierte, verdeutlichen sowohl die Kapitelüberschrift als auch die Inhalte des veröffentlichten Kossenblatt-Beitrags. Während seine Ausführungen im Notizbuch noch mit Cossenblatt beschriftet sind, wählte er für das gedruckte Kapitel, das zunächst am 26. März 1863 in der Zeitschrift „Morgenblatt für gebildete Leser“ und wenige Monate später im „Oderland“-Band erschien, die Überschrift Schloß Cossenblatt. Auch die aus dem Notizbuch übernommenen Aufzeichnungen zeigen, dass der Schwerpunkt auf dem Schloss liegt. Die Informationen über die Kirche sind nur im Anhang des „Oderland“-Bandes und konzentrieren sich auf ein Gemälde. Und im Haupttext, der am Anfang Ausführungen über Fürstenwalde und Beeskow enthält, beschreibt er vorrangig das Schloss und dokumentiert dessen Inventar.

Später erheblich verändert: Erste Auflage des „Oderland“-Bandes von 1863

Im Verlauf der Überarbeitungen des „Oderland“-Bandes – der zu Fontanes Lebzeiten in 5 Auflagen publiziert worden war – nahm Fontane für die dritte Auflage von 1880 einige Änderungen vor. Kapitel wie Küstrin und Gusow wurden erweitert und andere wie Königs Wusterhausen und Teupitz – nun geografisch korrekt – in den inzwischen vorliegenden Band „Spreeland“ übernommen. Nur der Spree-Ort Kossenblatt blieb im „Oderland“ – aus den oben genannten Gründen. Allerdings musste das Kapitel Schloß Cossenblatt – vermutlich aus Platzgründen – erhebliche Kürzungen hinnehmen. Hierzu zählt vor allem die Beschreibung der Außenansicht des Schlosses, die in der ersten Auflage von 1863 nicht nur ausführlicher, sondern auch differenzierter ausfällt. An der Grundaussage seines Urteils ändert sich jedoch nichts: Der erste Eindruck, wenn wir von dem Unmalerischen der Lage absehen, formulierte Fontane in der ersten Auflage, ist architektonisch kein ungünstiger, und erst die Rückfront des Baus zeigt uns seine Schwächen: die Flügel sind zu lang und der […] Schloßhof ist viel zu schmal. Der ganze Bau erhält dadurch etwas Gefängnißhaftes.

Flügel zu lang, Schlosshof zu schmal: Schloss Kossenblatt, Rückfront, 2026

Foto: Robert Rauh, mit freundlicher Genehmigung des Fördervereins Schloss Kossenblatt e.V.

Die Sage von der alten Reichsgräfin

In allen Auflagen ist aber eines unverändert geblieben: die Sage von der alten Reichsgräfin. Eleonore von Dönhoff, die als Witwe des alten Barfus den Schlossneubau fertigstellte, hatte drei Söhne. Während die beiden ältesten früh starben, wuchs der jüngste bei Verwandten auf, die es angeblich auf dessen Erbe in Kossenblatt abgesehen hatten. Eleonore soll das gewusst bzw. befürchtet haben – und traf Vorkehrungen. Gold und andere Kostbarkeiten ließ sie in einer Keller-Gruft des Schlosses einmauern. Bilder und Möbel wurden im Schlosshof zu einer Pyramide aufgetürmt. In einem Rollstuhle ließ sie sich dann an die Tür des Gartensaales fahren, gab Order, zwei Fackeln anzulegen, und starrte lang und befriedigt in die hoch aufsteigende Flamme. Sie fühlte das Feuer mehr, als daß sie es sah, denn die helle Mittagssonne stand über dem Schauspiel. Als alles niedergebrannt war, saß sie tot in ihrem Rollstuhl.

Verbrannte angeblich das Inventar im Schlosshof: Eleonore von Barfus, geb. von Dönhoff, Gemälde vermutlich auch von König Friedrich Wilhelm I., Foto: Sebastian Krahl

Woher Fontane die Sage kannte, darüber rätselte bereits Günter de Bruyn in seinem Buch über Kossenblatt. In der Biografie über den alten Barfus von Franz Wilhelm Barfus-Falkenburg (1788–1863; im Druck: Falkenberg), die im Verlag von Wilhelm Hertz 1854 erschienen war und von Fontane nachweislich benutzt wurde, finden sich zwar Andeutungen zu den komplizierten Familienverhältnissen, aber kein Wort über das Feuerspektakel der alten Barfus. Auch nicht in der Kossenblatter Kirchenchronik, die de Bruyn für seine Buch ausgewertet hat.

Übersehen wurden bisher zwei Hinweise, die nur in der ersten Auflage zu finden sind. In den Anmerkungen mit der Überschrift Cossenblatt im Anhang führte Fontane neben der Barfus-Biografie auch Mündliche und briefliche Mittheilungen auf. Von wem er die Mitteilungen erhielt, ist nicht bekannt. Aber der erste Satz, So erzählt sich das Volk, aus dem Absatz im Haupttext, welcher der Sage folgt, lässt den Schluss zu, dass Fontane die Geschichte vor Ort erfahren hat, von einem der vielen Gesprächspartner, von denen er seiner Frau Emilie nach dem Besuch in Kossenblatt berichtete. Zudem wird die Sage auch im Notizbuch erwähnt. Aber Fontane blieb im Zweifel: Die ungenauen Hinweise aus der Barfus-Biografie über die Erbstreitigkeiten lassen sich unschwer mit der eben erzählten Sage in Einklang bringen. All das, so schlussfolgerte Fontane, will nichts weiter sein als eine Hypothese […], mit Hülfe der Sage und Tradition dem Historischen um einen Schritt weiter zu kommen.

Dieser, ab der dritten Auflage ebenfalls gestrichene Absatz verdeutlicht, dass sich Fontane sehr wohl mit den Quellen kritisch auseinandergesetzt hat. Der Vorwurf vieler Historiker, Fontanes „Wanderungen“ seien keine ernstzunehmende historische Quelle, ist – berücksichtigt man die Genese der einzelnen Kapitel – nicht zutreffend. Schloß Cossenblatt ist dafür ein prägnantes Beispiel.

Mehr schaurig als schön: Schloss Kossenblatt, 2026

Foto: Robert Rauh, mit freundlicher Genehmigung des Fördervereins Schloss Kossenblatt e.V.

 


Zitation

Quelle:

  • Dem Beitrag liegt ein Vortrag zugrunde, den Radecke und Rauh am 31. Oktober 2026 in Schloss Kossenblatt anlässlich der Eröffnung des Fontane-Saals gehalten haben.

Titelbild

  • Schloss Kossenblatt, Vorderseite, Oktober 2026; Foto: Robert Rauh, mit freundlicher Genehmigung des Fördervereins Schloss Kossenblatt e.V.

Literatur

Schloss Kossenblatt in den „Wanderungen“

  • Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Theil. Oderland. Barnim. Lebus, Verlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung), Berlin 1863 [Erstausgabe].
  • Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Oderland. Barnim-Lebus, hrsg. von Gotthard Erler und Rudolf Mingau, 2. Auflage, Aufbau-Verlag, Berlin 1994, S. 427–437.

Weiterführende Literatur

  • De Bruyn, Günter: Kossenblatt. Das vergessene Königsschloss, S. Fischer, Frankfurt/M. 2014.

Weblinks

Aufzeichnungen und Skizzen zu Kossenblatt: Notizbuch A 13:

  • Fontane, Theodor: Notizbücher. Digitale genetisch kritische und kommentierte Edition, hrsg. von Gabriele Radecke, Göttingen 2015 ff. 

 

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