Fontane kam nicht bis Rathenow (und in Jüterbog war er auch nicht)
Mit der Regionalexpresslinie 4 durch Brandenburg via Berlin
von Annett Gröschner, Schriftstellerin
Alle, die sich mit Fontane auseinandergesetzt haben, wissen, dass er das Wort Wanderung recht großzügig auslegte. Als er mit seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ begann, war er um die 40, da fängt man als bürgerlicher Mann keine Wander-, oder wie es Fontane nannte, Dauerläufer-Karriere mehr an, zumindest im 19. Jahrhundert, das keine Fitnesscenter kannte und Marathon nur aus den antiken Schriften. Auch das Fahrrad setzte sich erst mit der fortschreitenden Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts durch. Fontane fuhr mit dem Pferdeomnibus oder mietete privat ein Pferdefuhrwerk, der Wagen war ihm „ein unabweisliches Wanderungsbedürfnis“.
Mit dem Eisenbahnnetz hatte es sich damals im Brandenburgischen wie heute mit dem Mobilfunknetz – es war dünn. Im ersten Band der „Wanderungen, Grafschaft Ruppin“, schrieb Fontane: Eisenbahnen, wenn du „ins Land“ willst, sind in den wenigsten Fällen nutzbar; also – Fuhrwerk. Fuhrwerk aber ist teuer. […] Es kann dir passieren, daß du, um von Fürstenwalde nach Buckow oder von Buckow nach Werneuchen zu kommen, mehr zahlen mußt, als für eine Fahrt nach Dresden hin und zurück. Für den Betrag des Brandenburg-Berlin-Tickets, die günstigste Form, zu zweit einen Tag lang mit der Regionalbahn einer Linie hin- und herzureisen, bekommt man mit ein wenig Geschick schon einen Flug mit einem Billigflieger zu weiter entfernten Destinationen als Dresden.
Seit 2003 fahre ich überall, wo ich bin auf der Welt, mit der Linie 4, egal ob Straßenbahn, Bus, Trolleybus, Minibus oder Regionalbahn. Einzige Bedingung, die Linie muss über der Erde fahren, man muss etwas sehen können von der Landschaft, ob Stadt oder Land, wenn man durch sie hindurchfährt. Bisher habe ich das in fast 50 Städten gemacht, einschließlich Berlin. Das sind meine Wanderungen durch die Welt. Die 4 habe ich gewählt, weil es die Straßenbahnlinie meiner Kindheit war.
Die Regionallinie 4 des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg steht schon lange auf meiner Liste. Es ist eine von zehn Regionalexpresslinien in Berlin-Brandenburg, und eine von zwei, die nicht von der Deutschen Bahn, DB Regio, sondern seit 2012 von der ODEG betrieben wird, der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH.
Der RE4 bedient die wichtigste Pendlerstrecke im Havelland. Stellten wir uns Brandenburg als Zifferblatt vor, zeigte die Strecke des RE4 dreiviertel 7, von westlich der Elbe Eingewanderte würden sagen: Viertel vor sieben. Das Ende des kleinen Zeigers ist Jüterbog, der große endet in Rathenow.

Bedient die wichtigste Pendlerstrecke im Havelland: RE 4-Zug im Hauptbahnhof
Quelle: ODEG
Jüterbog
Jüterbog ist 60 Kilometer vom Potsdamer Platz entfernt, wo Fontane die letzten Jahrzehnte lebte. Aber nicht jeder Zug setzt hier ein, am Wochenende wird Jüterbog von der Regionalexpresslinie 3 bedient, die bis Berlin Hauptbahnhof die gleiche Strecke fährt.
Vor elf Jahren bin ich oft von Jüterbog nach Berlin gefahren, weil ich viel Zeit im Schloss Wiepersdorf verbrachte, jenem Musenort der von Arnims, der seit mehr als 70 Jahren Rückzugsort für Künstlerlinnen und Künstler ist. Ohne Auto war es ein schwieriges Unterfangen. Lange Fußmärsche, Tramptouren, Rufbusse, Fahrrad, ab und an auch mal ein regulärer Bus brachten einen zum Bahnhof Jüterbog, der kilometerweit vom Stadtkern entfernt ist, weil die Stadt Abstand zwischen sich und eine technische Neuerung bringen wollte, von der man noch nicht genau wusste, ob sie nicht die Psyche des Menschen erheblich schädigen könnte. Der Bahnhof Jüterbog war nämlich einer der ältesten und bedeutendsten Bahnhöfe des heutigen Landes Brandenburg. Seit 1841 fahren Züge auf der Anhalter Bahn von Berlin bis hierher. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war der Ort Knotenpunkt der preußischen Militär-Eisenbahn, die Bahn klapperte die Schieß- und Exerzierplätze des preußischen Militärs von Zossen bis Kummersdorf ab, und die Kaiserliche Schieß- und Artillerieschule zog wegen der guten Verkehrsverbindung 1897 von Berlin nach Jüterbog um.
Bis heute hat die Stadt einen Stock im Rücken, erinnert viel an die Militärgeschichte des Ortes, die mit dem Ende Preußens nicht aufhörte. Erst kam die Wehrmacht, nach dem Krieg übernahmen die sowjetischen Truppen das Militärgelände. Sie blieben bis 1994. Danach war Jüterbog kein Militärstandort mehr. Und der Bahnhof fiel in Umnachtung. Pendler sind meistens daran zu erkennen, dass sie sich, weil sie eine Abonnementkarte haben, nicht mit dem Fahrkartenautomaten herumschlagen müssen, der, wie alles hier, um einiges langsamer ist als in der Großstadt.
An den Bahnhöfen der Provinz ist der Niedergang der Bahn zum börsenorientierten Schnellverkehrsunternehmen deutlich zu erkennen. Die meisten Bahnhofsgebäude stehen leer oder dienen anderen Zwecken, als Reisende zu empfangen oder zu verabschieden. In Jüterbog war sogar einmal im Gespräch, eines der Bahnhofsgebäude zu einem Bordell umzubauen. So als Möglichkeit für Pendler, sich bei Zugausfall die Zeit zu vertreiben. Ein Bahnhofsrestaurant gibt es schon ewig nicht mehr. Eigentlich ist der Bahnhof Jüterbog nur noch ein Haltepunkt, durch den alle halbe Stunde ein ICE oder IC mit 200 Stundenkilometern rauscht. Immer wieder müssen Kleinkinder durch beherztes Abfangen vorm Angesaugt- und Totgequetschtwerden gerettet werden. Fast nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen den Leuchtturmprojekten der Deutschen Bahn und den Pflichtaufgabe so hautnah zu spüren. Bleibt ein ICE auf der Strecke, müssen auch die Kurzstreckenpendelnden warten. „Hohe Streckenauslastung und damit verbundene Störung im Betriebsablauf“ heißt das in der Sprache der Bahn.
Heute ist Sonntag, und der RE4 setzt erst in Ludwigslust ein. Aus Wittenberg kommt der RE3 und nimmt die Wartenden mit. Keine Verspätung.

Früher Knotenpunkt der preußischen Militär-Eisenbahn: Bahnhof in Jüterbog, 2022
Foto: Sebastian Krahl
Luckenwalde
Die Stadt Luckenwalde hat in ihrem Bahnhof die Stadtbibliothek untergebracht und noch ein goldenes Ufo angeklebt, in dem Kinder lesen und dabei ein wenig fliegen können. Überhaupt ist Luckenwalde eine Stadt, die guter Architektur seit mehr als hundert Jahren nicht im Weg steht. Vor allem die Beispiele der klassischen Moderne sind vielfältig und bieten Stoff für Entdeckungen, wo man sie gar nicht erwartet. Es gibt einen expressionistischen Waldfriedhof, einen Moderne-Prachtbau, in dem Stadttheater und Schule untergebracht sind, mehrere Gartensiedlungen und die Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co, von einem der bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts, Erich Mendelsohn, erbaut. Es ist ein Bau, der, wenn man durch ihn hindurchgeht, durch seien Proportionen und Sichtachsen glücklich macht. Im HeimatMuseum, das nur dem Namen nach angestaubt ist, hängt der berühmte Pullover von Rudi Dutschke, der hier aufwuchs und wegen Repressionen Ende der 1950er-Jahre nach Westberlin abhaute, wo er, wie viele andere junge Ostdeutsche, Männer wie Frauen, denen auch im Westen die Verhältnisse nicht gefielen, zum Protagonisten der Studentenbewegung wurde.
Fontane kam vermutlich 1854 das erste Mal nach Luckenwalde. Auf dem Markt gibt es eine Gedenktafel, ein Relief: „Hier weilte 1855 Theodor Fontane“. Dass er die Stadt besuchte, hatte persönliche Gründe, mit dem Wandern professioneller Art hatte er noch gar nicht angefangen. Wenn er für die „Kreuzzeitung“ nach London reisen musste, reichte das Geld für die Miete in Berlin nicht mehr, also wurden die Möbel ein- und die Familie ausgelagert. Ein befreundetes Ehepaar Knochenhauer, ein Färbereifabrikant und seine Frau, nahmen Emilie und ihren Sohn George für ein paar Wochen auf. Laura Knochenhauer und Emilie Fontane waren weitläufig verwandt. 1855 wurde hier überraschend sogar ein weiteres Fontane-Kind geboren – zwei Monate zu früh. Es starb nach wenigen Tagen. Der Aufenthalt wurde verlängert und Fontane fing an, sich mit Luckenwalder Chroniken abzulenken. Besonders interessierte ihn die Textilfabrikation, die die Nuthe tiefblau färbte. Knochenhauer könnte Vorbild für den Fabrikanten Treibel sein, der ja das Färbemittel Preußisch Blau herstellte, allerdings in Kreuzberg an der Spree und mit einer Gattin, die Laura Knochenhauer nicht ähnlich war. So eine Person wie Jenny Treibel konnte nur der Friedrichswerder erschaffen.

Aufenthalt im Haus des Färbereibesitzers August Knochenhauer: Fontane-Gedenktafel in Luckenwalde, Am Markt 16
Foto: Robert Rauh
Über Luckenwalde war Fontane nicht gnädig: Nicht mehr die Kirche bildet den Mittelpunkt geistigen Lebens, städtischer Interessen, sondern der Schornstein, der Stylit des Gewerbefleißes. […] Luckenwalde ist Fabrikstadt geworden, man zupft man walkt, man färbt, man webt. […] Luckenwalde steht links. Schade! Luch im Walde hätte rechts gestanden, so beschrieb Fontane 1864 die Stadt in einem Aufsatz für die „Neue Preußische Zeitung“; auch „Kreuzzeitung“ genannt, die konservative Haltungen zu schätzen wusste. Fontane beschrieb Luckenwalde als eine Stadt mit 10 000 Einwohnern und etwa 50 Fabrikschornsteinen. […] Der Turm, der einst allein die Stadt überragt und ins Land geblickt hatte, musste sich mehr und mehr bequemen, sein altes Vorrecht mit immer neuen Neulingen zu teilen, bis er in einem Walde von Fabrikschornsteinen versank.
Schon Friedrich Wilhelm I. hatte vogtländische Weber in Luckenwalde angesiedelt, der Grundstock für die Industriestadt. Das Industriezeitalter begann in Luckenwalde früher als in Berlin und ging dort eher nieder. Von den Kathedralen der Industrie ist heute so gut wie nichts mehr übrig.
Trebbin
1992 habe ich über Trebbin meine erste Reportage geschrieben. Es war auch der Beginn der Zusammenarbeit mit dem Fotografen Arwed Messmer, der vom Bürgermeister der Stadt den Auftrag bekommen hatte, den Ort fotografisch ins rechte Licht zu setzen. Gegen die Fotografien ließ sich nichts sagen – für den Bürgermeister bildeten sie die Wirklichkeit ab –, gegen meinen Text schon. Er durfte im Buch nicht erscheinen. Es ist das Problem jeder Reporterin, jedes Journalisten, der kurz in einen Ort kommt, recherchiert, mit Leuten spricht und dann seine Eindrücke schildert: Der Blick bleibt notwendig oberflächlich, und die Bewohnerinnen und Bewohner sind oft enttäuscht. Fontane ging das kaum anders als mir. 1992 hatte ich Fontanes Einschätzung von Trebbin nicht gelesen, die Gegenwart war interessanter, und man verwies vor Ort sowieso lieber auf den märkischen Eulenspiegel Hans Clauert.
Die Stadt war in einer schwierigen Situation. Die Gärtnereigenossenschaften, bis dahin wichtigste Arbeitgeber des Ortes, waren aufgelöst worden. 70 Prozent der Arbeitslosen waren Frauen. Deren Forderungen nach einer bezahlten Tätigkeit wurden aber nicht ernst genommen, der Bürgermeister unterstellte ihnen, in zwei Jahren sowieso nicht mehr arbeiten zu wollen. Die Frauen waren wütend. Außerdem hatte es Übergriffe gegen ausländische Vertragsarbeiter gegeben. Die meisten hatten die Stadt nicht freiwillig verlassen.
Legt man Fontanes Zeit in Trebbin – der Text erschien erstmals im Juni 1872 in der „Vossischen Zeitung“ –, meine Recherchen 1992 und den Besuch an einem Sonntag im März 2019 übereinander, ergibt sich ein gar nicht so stark voneinander abweichendes Bild. Einige der Ackerbürgerhäuser um den Markt gab es der Architektur nach sicher schon vor 1870, die Kirche ist älteren Datums, sogar der Schützenverein, der in Fontanes Erzählung und auch in meiner eine Rolle spielt, ist noch existent. Fontane war auf der Suche nach den Nutheburgen, von denen er eine in Trebbin verortete, eine Stadt, die er augenscheinlich nicht mochte. Ich passiere die Straße und überall bot sich dasselbe Bild: die Kirche so trist wie die Stadt und die Stadt so trist wie die Kirche. Hier und dort spreizte sich eine Toilette, das einzige, woran sich die Nähe der Hauptstadt erkennen ließ; aber dieser Flitter ließ die Stadt nur um so farbloser und die farblose Stadt hinwiederum den Flitter nur um so prahlerischer erscheinen! Menschen, Häuser, Kirche, sie gaben nichts heraus. 150 Jahre später ist die Innenstadt an einem Märzsonntag völlig ausgestorben, nicht einmal „Flitter“ gibt es, nur ein paar zu bunt angemalte Häuser. Zwischen zwei Ampelphasen ist es manchmal so still, dass man die Kühlschränke in den Häusern summen hört. Nur ein paar Kinder auf Fahrrädern begegnen uns. Im „Avanti Pizza Service“ („Leckere Spezialitäten für jeden Geschmack! italienisch, griechisch, chinesisch, indisch“) am Markt ein seltsames Bild: In dem kleinen Laden, es gibt vielleicht drei Tische, sitzt an jedem jeweils ein alter Mann, völlig reglos, wie eine Wachspuppe, nur der Wirt telefoniert draußen hektisch in einer fremden Sprache. Der Fahrradladen „Lolek & Bolek“ im selben Haus hat gerade dichtgemacht.
Fontane in seiner fast verzweifelten Suche nach Bedeutung beschloss, einen Kaffee zu trinken: Man wies mir einen Metzgerladen, „dort geb’ es den besten Kaffee“. Wohlan; ich akzeptierte. Wenn man gar nichts mehr anzufangen weiß, ist das Klappern mit der Tasse noch immer das Geratenste. […] Ich setzte mich auf eine nebenstehende Bank und bestellte, was mir als „Spezialität“ gerühmt worden war. Fontanes Wirt ist nicht übermäßig kommunikativ, redet viel, aber eigentlich mit sich selber, und beantwortet Fontane die wichtigen Fragen nach der Burg nicht. Auch den Maler Wilhelm Hensel kennt er nicht. (Wir kennen ihn von einer am Pfarramt in den Rauputz eingelassenen Steintafel mit der goldenen Aufschrift: „Im Diakonat zu Trebbin wurde der Maler Professor Wilhelm Hensel am 6. Juli 1794 geboren. Er starb am 26. November 1861 in Berlin. Als Porträtzeichner war er ein Chronist seiner Epoche.“ Fontane würdigt ihn ausführlich als märkischen Mann. Die Seele griechisch, der Geist altenfritzisch, der Charakter märkisch. Uns ist eher seine Frau ein Begriff, die Komponistin Fanny Hensel, geborene Fanny Mendelssohn. So ändern sich die Zeiten, könnte man im Gewand des alten Briest sagen.

„Chronist seiner Epoche“: Gedenktafel für den Maler Wilhelm Hensel an seinem Geburtshaus in Trebbin, Kirchplatz 3
Foto: Robert Rauh
Auch wir verlegen uns, weil rein gar nichts los ist, aufs Kaffeetrinken, schließlich ist Sonntag. Im Gegensatz zu Fontane geraten wir aber im „Café Konrad“ an eine überaus freundliche Verkäuferin. Obwohl sie schon geschlossen hat, bringt sie uns noch einen Kaffee vor die Tür und empfiehlt uns, völlig zu Recht, die Butterkekse aus Niedergörsdorf.
„Eine schöne reine Luft, Herr Wirt.“
„Eine schöne, reine Luft. Trebbin hat eine gute Luft.“ Ja, Trebbin hat eine gute Luft, wenn die LKWs nicht durch den Ort fahren, was sie am Sonntag nicht tun. Mehr ist über Trebbin nicht zu sagen. Zu bemerken ist nur noch, ganz fontanisch, der Meteorit, der am 1. März 1988 in ein Gewächshaus der GPG Blumenstadt Trebbin einschlug und außer Glasbruch keinen weiteren Schaden anrichtete. Wenigstens der Weltraum hatte Trebbin auserkoren. Anders als 1992 gibt es am Bahnhof keine Schranke mehr, wegen der ICEs, sondern eine Unterführung. Von da aus kann man den seit DDR-Zeiten existierenden Fontane-Wanderweg 4 Richtung Zossen nehmen, aber heute ist es zu kalt dafür. Auf dem Bahnsteig des Trebbiner Bahnhofs sind mehr Leute, als auf dem Weg in die Stadt und zurück zu sehen waren. Auf dem gegenüberliegenden Gleis rauscht ein ICE vorbei. Er ist so schnell, dass die Insassen den Namen der Stadt auf dem Schild am Bahnhofsgebäude nicht werden lesen können.
Ludwigsfelde
Luckenwalde und Ludwigsfelde lassen sich beim flüchtigen Blick auf den Fahrplan des RE4 leicht verwechseln. Auf der Marketingseite der Stadt („Ludwigsfelde bewegt!“) wird die Stadt LU genannt. Das IFA-Werk war zu DDR-Zeiten der größte Hersteller von Lastkraftwagen. Der W50 war robuste Handarbeit ohne Elektronik, wartungsarm und zugänglich für Bastler, weswegen dieser Typ LKW noch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Produktion in allen möglichen Krisen- und Entwicklungsregionen fährt, mit denen die DDR Handelsverbindungen hatte. Verstopfte er früher sämtliche Straßen des Landes, findet man ihn heute öfter in den Krisenmeldungen der Nachrichten: Das bestimmende Bild sind 20 Aufständische mit Maschinengewehren auf der Ladefläche eines äußerlich arg ramponierten W50, dem der Kühlergrill fehlt.
Weil die Einwohnerzahl LUs zwischen 1946 und 1989 von knapp 6 000 auf 22 000 stieg, mussten sehr schnell viele Wohnungen gebaut werden. Die Stadt ist ein Architekturmuseum der DDR. Alle Formen des industriellen Bauens seit 1959 lassen sich besichtigen. Um den Bahnhof herum wurde noch Stein auf Stein gebaut, eine fein renovierte Miniaturausgabe von Stalinstadt, zu einem Großteil in Besitz von Vonovia, jener Heuschrecke, die den Wohnungsmarkt im neoliberalen Griff hat, stolz darauf, als erstes Wohnungsunternehmen Deutschlands in den DAX aufgenommen worden zu sein. Natürlich gibt es in Ludwigsfelde eine Fontaneschule, wie es in Luckenwalde eine Fontaneapotheke und in Rathenow einen Fontanepark gibt. Fontane ist DIE Marke für jedes Fleckchen Erde, auf das er seinen Fuß gesetzt hat, oder eben auch nicht, wie in Rathenow. Was Ludwigsfelde angeht, so ist Fontane bis Gröben gekommen, heute ein Ortsteil von Ludwigsfelde, was ihm aber auch nicht besonders gefiel, bis auf die Kirche. Groeben hat ein märkisches Durchschnittsansehen, ist ein Dorf wie andere mehr, und alles, was als bemerkenswert hübsch in seiner Erscheinung gelten kann, ist seine von einem hohen Fliedergebüsch, darin die Nachtigallen schlagen, umzirkte Kirche. Die Landschaft um Siethen und Groeben dagegen empfand er als Märkisches Idyll. Die Marke Mark.
Auf der Website der Fontaneschule heißt es unter der Rubrik „Wir über uns“: „Nur wer jeden Augenblick seine Unvollkommenheit empfindet, kann sich fortentwickeln.“

War auch schon auf Wanderschaft: Fontane-Büste vor der Theodor-Fontane-Schule in Ludwigsfelde
Foto: Sebastian Krahl
Die Büste Fontanes vor der Schule hat auch schon eine Wanderschaft durch den Ort hinter sich, unter anderem stand sie auf dem Rathausplatz und musste dort einer Autobahneichenskulptur weichen. Luckenwalde, das durch die Autobahn geteilt ist, erinnert mit dem Kunstwerk an jene riesige Eiche, die vor 1989 ostdeutsche Autofahrer daran erinnerte, dass es von da ab noch einen Stunde bis Berlin war, weshalb sie auch Stundeneiche genannt wurde.
Zwischen 2012 und 2017 hat sich die Einwohnerzahl der Stadt um zehn Prozent erhöht, nicht zuletzt, weil in Berlin die Mieten explodieren und vielen nur der Weg hinaus aus der Stadt ins Umland bleibt. Dank der Regionalbahn, die von hier halbstündlich fährt, sind sie schnell wieder in der Metropole. Heute ist Ludwigsfelde wieder ein nicht unbedeutender Arbeitgeber. 70 Unternehmen gibt es allein im Industriepark Ludwigsfelde.
Ludwigsfelde hat ein überzeugendes Nutzungskonzept für seinen Bahnhof gefunden, ein Stadt- und Technikmuseum, das im wesentlichen Fahrzeugtypen und Flugzeugmotoren ausstellt, die seit 1936 in den Ludwigsfelder Werken hergestellt worden sind, in der Zeit des Zweiten Weltkrieges von Tausenden von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten und in Baracken untergebracht waren, die noch jahrzehntelang im Stadtbild zu sehen waren. In dem gelben Klinkerbau des Bahnhofs und einem Anbau aus Glas und Stahl stehen Pitty, Wiesel oder Troll, der legendäre Motorroller Berlin, LKW wie der W50 oder Nutzfahrzeuge der Marke Mercedes Benz, die Firma, die das Werk 1991 übernahm, nachdem die Produktionsstätten von Daimler nach dem Krieg demontiert worden waren. Auch Kinderroller aus der Konsumgüterproduktion sind dabei.
Wer den Zug verpasst, hat die Möglichkeit, sich die Zeit auf angenehme Weise hier zu vertreiben. Gleich nebenan ist das „Café am Bahnhof“, dessen Name mondäner klingt, als es ist. Es ist eher eine durch Heimwerkerarbeit gut gepflegte Datsche mit zeltartigem Vorbau, Wegwarte für Durchreisende und Stammkneipe für Leute, die es eher meiden, die Stadt zu verlassen. Es herrscht Rauchverbot, dafür gibt es einen Imbiss und fünf Tische, an denen das Kneipenvolk am Sonntagnachmittag dies und jenes mit dem Wirtspaar diskutiert. Für den Preis von Kaffee, Bier und drei Würsten mit Brötchen bekäme man in Paris nicht mal ein Bier. Beim Hinausgehen sagt einer: „Brandenburg kannste in die Tonne kloppen!“ Wochentags öffnet das Kneipencafé um 7 Uhr für ein schnelles Sturzbier vor der Pendelei oder zwei oder drei auf dem Weg zum Spiel des 1. FC Union in Berlin. Dass hier Fans unterwegs sind, davon kündet draußen an der Zeltplane ein Aufkleber: „Scheiß auf Sex! Ich fahr zu Union“.
Wir fahren zurück Richtung Berlin. Im Regionalzug gibt es keinen Platz mehr. Einer hat sogar ein halbfertiges Kanu in das Fahrradabteil gehievt. Drei junge Frauen mit Gitarrenkoffern reden über verwunschene Orte in Berlin, den Teufelsberg mit der Abhöranlage der Amerikaner, das Kinderkrankenhaus in Weißensee und den Vergnügungspark im Plänterwald. „Das ist voll die Geisterstadt!“ Sie übertrumpfen sich gegenseitig mit Gruselgeschichten. Wir erreichen Großbeeren.
Großbeeren
Zwei Meilen südlich von Berlin liegen die berühmten Felder von Groß-Beeren. Wer häufiger die Eisenbahn benutzt, die dann vorüber ins Anhaltische und Sächsische führt, wird es nicht selten erlebt haben, daß Fremde, die bis dahin lesend oder plaudernd in der Ecke saßen, plötzlich sich aufrichten und mit dem Finger auf die weite Ebene deutend, halb zuversichtlich, halb frageweise die Worte sprechen: Ah c’est le champ de bataille de Gross-Beeren!, so schrieb es Fontane, und ich habe meine Zweifel, ob er sich das nicht ausgedacht hat.

Fontanes Aufzeichnungen zu Großbeeren, Abschrift Emilie Fontane, Notizbuchseite A9, Blatt 1r [1860]
Quelle: Digitale Notizbuchedition, hrsg. von Gabriele Radecke
Heute schaut niemand auch nur mehr hoch, wenn die Durchsage: „Nächster Halt: Großbeeren“ kommt. Die preußischen Schlachten südlich von Berlin sind kein Schulstoff mehr, sie wurden überschrieben von Schlimmerem. Auf den Feldern von Großbeeren haben sich Störche niedergelassen. Grund, hier auszusteigen, haben andere, und das hat weniger mit Befreiungskriegen als mit Freiheitsstrafe zu tun. Seit 2013 gibt es ein exterritoriales Gebiet in Großbeeren. Ein Gelände, das zu Berlin gehört, eine Exklave, ausgelagert wie früher die Friedhöfe und alles, was schlecht roch. Es ist die Justizvollzugsanstalt Heidering, ein nagelneuer Gefängniskomplex. 2014 bin ich dort hingefahren, um ein Stück des Gefängnistheaters „Aufbruch“ anzusehen, „Der brave Soldat Schwejk“. Das Gefängnis hat mich noch viel mehr deprimiert als das in Tegel. Die Neubauten, der Wald und die Kunst am Bau, ein Mann auf einer Art Windrad, der über die Landschaft blickt, standen in einem noch größeren Kontrast zu der Situation des Eingesperrtseins hinter nun mit viel Elektronik verschlossenen Türen. Statt der im Fünf-Minutentakt Berlin-Tegel anfliegenden Flugzeuge gab es hier das beständige Geräusch der Autobahn.
Die Regionalexpresslinie 4 überquert an drei Stellen den ehemaligen Mauerstreifen. Bis an die Grenze zum zu Westberlin gehörenden Lichterfelde kamen die Züge aus Richtung Jüterbog bis 1989 gar nicht. Sie fuhren hinter Großbeeren auf den Außenring und über Genshagener Heide und Flughafen Schönefeld nach Berlin-Schöneweide, neunmal am Tag, Fahrzeit 40 Minuten. Heute sind es 30 Minuten nach Berlin Hauptbahnhof.
Berlin-Lichterfelde Ost
Vor 25 Jahren, als ich öfter nach Trebbin fuhr, war die Grenze zwischen Berlin und dem Umland noch scharf und gut erkennbar, das jahrelang eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel hatte seine Wirkung noch nicht verloren. Jetzt braucht es gut geschulte Augen, um den alten Postenweg zwischen den nicht mehr ganz jungen Bäumen zu erkennen. Das Verbindende sind die Kleingärten, die sich zu beiden Seiten der ehemaligen Grenze entlangziehen. Auf der einen Seite heißen sie Kolonien, auf der anderen Kleingartenanlagen. Das ist inzwischen der einzige gut sichtbare Unterschied, die anderen sind feiner und nur für Eingeweihte erkennbar. Pflanzen zum Beispiel. Oder die Form der Lauben. Endlich gibt es auch wieder Funknetz, das im südlichen Brandenburg noch Neuland ist, anders als in Kasachstan oder Albanien.
Der Zug ist überfüllt. Überall stehen und sitzen Menschen. Auch in Lichterfelde Ost kommen eher noch Leute dazu. Erst als der Zug in den Bahnhof Südkreuz einfährt, wird es leerer. Hier trifft die Fernbahn auf die Ringbahn, und der RE4 verschwindet nach wenigen Minuten, die er durch die neuen, auf ehemaligem Gelände der Anhalter Bahn errichteten Parks fährt, an der Yorckstraße im Tunnel, um im Untergrundbahnhof Potsdamer Platz zu halten. Hier in der Potsdamer Straße 134 c war die Wohnung, in der Fontane mit seiner Familie, nach ewigen Zwischenmieten, Trockenwohnen, Exmittierung wegen Verdoppelung der Miete, am längsten lebte. Hinter dem Haus fuhren die Züge vom oder zum Potsdamer Bahnhof, damals ein Kopfbahnhof.

Nicht mehr im Stadtbild: Haus in der Potsdamer Straße 134c, in dem Familie Fontane ab 1872 im dritten Stock wohnte
Quelle: Theodor-Fontane-Archiv
Zu Berlin passt die Stilfigur des Palimpsests am besten. Immer wieder wurde die Stadt überschrieben, einmal sogar zu großen Teilen ausradiert, wieder neu auf den alten Grundrissen gezeichnet, nur etwas luftiger, aber in groben Rasterungen. Das Palimpsest ist an manchen Stellen durchsichtig, die alten Zeichnungen leuchten hervor, manches ist nur lasiert. Und so kann, wer möchte, auch die alten Fontane’schen Wege gehen, die gar nicht alt oder unmodern sind. Frau Jenny Treibel, zum Beispiel, ist schon vor Jahren auf den Friedrichswerder zurückgekehrt. Wie hieß es doch so schön? „Stadtbürger mit Hand und Laptop“. Und ja, auch die Stadtbürgerinnen fanden ihren Platz in den Townhouses. Und die eine oder andere hat verdammte Ähnlichkeit mit Frau Jenny Treibel. Hochmut. Kleinbürgerlichkeit. Das starke Interesse am Künstlerischen, das den eigentlichen Drang nach Ansehen und Vermögen überdeckt. Dünkel.
Am Westhafen die Bahn wieder aus dem Tunnel.
Jungfernheide
In der Jungfernheide denkt Baron Botho von Rienäcker, auf seiner Fuchsstute reitend, über seine Zukunft und Familienehre nach. Botho ist mit der Kunststickerin Lene, einem Mädchen aus dem Kleinbürgertum, liiert, er genießt die Beziehung. Er bezeichnet sich selbst als einen Durchschnittsmenschen aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft, aber beide wissen, dass sie vom Standpunkt ihrer Umwelt her nicht zusammenpassen. „Will ich Lene heiraten? – Nein. … Erwartet sie’s? – Nein. … Und doch säume und schwanke ich, DAS eine zu tun, was durchaus getan werden muss. … Weshalb diese Schwankungen und Vertragungen? Törichte Frage. Weil ich sie liebe.“ Er muss, auf Bitten seiner Mutter und um das Familienvermögen zu retten, seine Cousine heiraten. Der Ausritt in die Jungfernheide ist eine Schlüsselszene im Roman „Irrungen, Wirrungen“.
Die Distinktionen sind heute feiner, aber eigentlich nicht verschwunden. Die Ehe einer Tochter aus den Townhouses auf dem Friedrichswerder, heute eine feine Gegend, im Gegensatz zu den Zeiten von Frau Jenny Treibel, mit einem maghrebinischen Asylbewerber würde sicherlich auch als Verwirrung durchgehen und mit Geld und guten Worten aus der Welt geschafft. Oder mit Abschiebung.
In der Jungfernheide wird nicht mehr geritten. Sie ist heute ein Park.
Fontane kannte die Gegend gut. Schon als Schüler war er nach Jungfernheide gewandert. Über Fenn und Feld. Der Regionalexpress 4 fährt am zögernden, mit sich selbst sprechenden Botho vorbei, der sein Pferd aus dem Trab in den Schritt fallen lässt. Richtung Effi Briests Hohen-Cremmen. Während er noch so sann, warf er sein Pferd herum und ritt querfeldein auf ein großes Etablissement, ein Walzwerk oder eine Maschinenwerkstatt, zu. Feuer und Rauch.
Ist in den Wagen des RE4 zwischen Lichterfelde-Ost und Spandau die ganze Welt versammelt, Menschen aller Hautfarben, aller Geschlechter, Religionen, Sprachen, jung und alt, arm und wohlhabend, eben das, was die Arche Noah Berlin heute ausmacht, so ist die vorherrschende Hautfarbe ab Spandau wieder weiß, der Habitus bürgerlich. Die Bahn fährt in den Speckgürtel, früher Mauerstreifen und Sperrgebiet, heute Welt der Pendler, die sich hier ihren Traum vom Einfamilienhaus erfüllt haben. Bahnhöfe, auf denen man um Mitternacht nicht auf einen verspäteten Zug warten möchte. Zu sehen sind die Ortschaften Berlin-Staaken, Dallgow-Döberitz oder Elstal nicht, sie sind hinter Schallschutzwänden verschwunden, denn der RE4 teilt sich die Gleise mit der ICE-Strecke nach Hannover. Die Landschaft sieht aus dem ICE wie eine extra von der DB angekaufte Kulisse aus, mit Wiesen und Feldern, Kühen und Seen. Nur manchmal kündet eine Windkraftanlage, eine Hochspannungsleitung oder ein Logistikzentrum von Zivilisation. Es ist der Osten, der durch Schallschutzwände verdeckt ist. Aber die Frage ist, wer schützt hier eigentlich wen und vor wem?
Nördlich von Buschow liegt das berühmte Ribbeck mit seinen Birnbäumen (Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, in seinem Garten ein Birnbaum stand …), mit dem RE4 ist es nicht erreichbar.
Nennhausen
Einfacher zu erreichen ist Nennhausen, kurz vor dem Endpunkt Rathenow, das nur alle zwei Stunden mit dem Zug angefahren wird. Hinter dem schlichten Namen verbirgt sich ein besonderer Musenhof, ein Herrenhaus mit einem barocken Landschaftsgarten, angelegt von einem Vorfahren der literarischen Figur Effi Briest, Philipp August von Briest. Die letzte Briest, Caroline, eine Schriftstellerin, heiratete nach einer katastrophalen Ehe noch einmal, den romantischen Dichter Friedrich de la Motte Fouqué, Verfasser der „Undine“. Das Paar eröffnete einen ländlichen Salon, in den reiste, wer Rang und Namen in der Romantik hat.

Vorbild für Hohen-Cremmen: Schloss Nennhausen
Foto: Robert Rauh
Das Herrenhaus soll Vorbild sein für Hohen-Cremmen, wo Effi Briest nach sorglosen Kinderjahren an den Verehrer ihrer Mutter, Baron von Innstetten, verheiratet wurde und wohin sie wieder zurückkehrte, als die Ehe misslang. Zurück auf die Schaukel als gebrochener Mensch. Eine gewisse Ähnlichkeit der Beschreibung zum inzwischen denkmalgerecht renovierten Haus gibt es schon. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing – die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Allerdings erhebt die Gemeinde Elbe-Parey Anspruch darauf, dass „Effi Briest“ auf Schloss Zerben spielt. Der Streit ist dahingehend entschieden, dass die offizielle App des „rbb“ anlässlich der Feierlichkeiten zu 200 Jahren Fontane Nennhausen mit einem Hot Spot bedenkt. Wir können es nicht überprüfen, die Bahn hält heute nicht in Nennhausen. Sie hält erst wieder in Rathenow, und das kam weder in den „Wanderungen“ noch in Romanen vor.
Nur ein Adliger namens Hauptmann von Rathenow triff an irgendeiner beliebigen Stelle auf Friedrich II.: „Aber, mein Gott! Wie dick ist Er geworden“, sagt der König. „Ja, Ihro Majestät, Essen und Trinken schmeckt immer noch; nur die Füße wollen nicht fort.“
Rathenow
Rathenow ist das havelländische Pendant zu Ludwigsfelde. 70 Kilometer westlich von Berlin, Verwaltungssitz des Landkreises Havelland, Stadt der Ziegelindustrie – das Rote Rathaus wurde unter anderem aus den dort produzierten Steinen gebaut – und der industriellen Optik seit 1801 und bis heute. Im Zweiten Weltkrieg wurde Rathenow wie Ludwigsfelde Ort kriegswichtiger Industrie mit Zwangsdeportierten und Kriegsgefangenen. Als der Krieg vorbei war, waren 75 Prozent der Stadt zerstört. Das sieht man noch heute an der lockeren Bebauung der Innenstadt. Rathenow war über mehrere Jahrhunderte Garnisonsstandort. Erst 1994 endete diese Epoche mit dem Abzug der russischen Truppen. Es gibt eine sehr schöne Wohnanlage des Neuen Bauens. 1928 vom Architekten Otto Haesler projektiert. Nach 1945 leitete Haesler den Wiederaufbau der zerstörten Altstadt.
Bismarck hat hier seine politische Karriere begonnen und Bernd Rabehl, 1968 Genosse von Rudi Dutschke (siehe Luckenwalde), ist hier aufgewachsen, ehe er in den Westen floh. So verbindet sich eines mit dem anderen, von der Strecke des RE4 zusammengehalten.
An diesem Sonntagnachmittag sind in Rathenow nur der Marktplatz und ein Rest der Altstadt wirklich belegt. Die Leute essen ein erstes Eis, Kinder haben das Pflaster mit Kreide bemalt. Mittelpunkt des Platzes ist ein riesiges Kulturhaus aus der Stalinzeit, die Fassade wie ein antiker Tempel gestaltet. Innen ist es sehr aufwendig restauriert worden. Alle Türen stehen auf, wir sind ganz alleine. Im Foyer liegen die Faltblätter sämtlicher Fontanefeierlichkeiten.

Die Fassade wie ein antiker Tempel: Kulturhaus Rathenow
Foto: Kulturhaus Rathenow
Am Abend wird der „Vogelhändler“ gegeben. Ein paar Häuser weiter wird ein nach Fontane benannter Müller-Thurgau vom Werderaner Wachtelberg angeboten. Immer noch besser, dass ein Wein nach einem benannt wird, als ein Seniorenpflegezentrum wie das am Fontanepark.
Zurück nach Jüterbog sind es fast zwei Stunden.
Zur Autorin: Annett Gröschner, deutsche Schriftstellerin, ist Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2025 war sie Stadtschreiberin von Mainz und wurde 2026 mit den Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet.
Quelle
- Annett Gröschner: Fontane kam nicht bis Rathenow (und in Jüterbog war er auch nicht). Mit der Regionalexpresslinie 4 durch Brandenburg via Berlin; in: Wandern und Plaudern mit Fontane. Literarische Begegnungen mit der Mark Brandenburg heute. Hrsg. von Gisela Holfter und Godela Weiss-Sussex. Quintus-Verlag, Berlin 2019, S. 160–175.
Titelbild
- Fontane-Büste vor der Theodor-Fontane-Schule in Ludwigsfelde; Foto: Sebastian Krahl


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