Ein Idyll in unruhigen Zeiten.
Die historische Fontane-Apotheke im Bethanien
von Michael Leetz, Historiker
Der Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg ist eine Insel der Stille mitten in der tosenden Stadt. Hat man ihn betreten, verebbt der Straßenlärm und man meint, in eine andere Zeit einzutauchen. Längs der Westseite des Platzes erhebt sich wie eine mittelalterliche Trutzburg der dreistöckige Ziegelbau des einstigen Diakonissenkrankenhauses Bethanien. Im Jahre 1970 stillgelegt und ein Jahr zuvor unter Denkmalschutz gestellt, bietet es seit nunmehr über 50 Jahren als „Zentrum für Kultur und Soziales“ zahlreichen kulturellen Vereinen und Institutionen eine Heimstätte.

Wie eine mittelalterliche Trutzburg: Ehemaliges Diakonissenkrankenhaus Bethanien
Foto: Robert Rauh
Durchquert man die Eingangshalle und folgt dann dem langen Gang des Haupttrakts nach rechts, stößt man bald auf die in einem Eckzimmer gelegene ehemalige Krankenhausapotheke. Nur wenige wissen, dass es sich hierbei um einen ganz besonderen Ort handelt, ist die kleine Apotheke doch die einzige im originalen Zustand erhalten gebliebene Wirkungsstätte Theodor Fontanes.
Er hat hier von 1848 bis 1849 als Apotheker gearbeitet. In dem hohen Raum stehen immer noch die großen, aus dunklem Holz gefertigten Apothekenschränke und der marmorne Rezeptiertisch aus der Anfangszeit des Krankenhauses, dieselben Möbel, die Fontane schon gesehen und benutzt hat. Heute ist hier ein Gedenkort für den Schriftsteller eingerichtet: die zum Friedrichshain-Kreuzberg-Museum gehörende historische Fontane-Apotheke. Eine große Glastür gewährt immer Einblick in ihr Inneres. Zweimal in der Woche, dienstags und mittwochs von 11 bis 16 Uhr, wird sie geöffnet. In dem Historie atmenden Raum kann man der Zeit Fontanes ganz nahe kommen.

Gewährt auch außerhalb der Öffnungszeiten immer Einblick in ihr Inneres: Blick in die historische Fontane-Apotheke
Foto: Robert Rauh
Als Fontane im September 1848 seinen Dienst in der Apotheke antrat, war er 28. Da gab es das Bethanien gerade ein Jahr. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte es von 1845 bis 1847 errichten lassen als ein Lehrkrankenhaus für Diakonissen, die hier in christlicher Nächstenliebe den Kranken und zugleich Gott dienen sollten. Im Beisein des Königs fand am 10. Oktober 1847 die Eröffnungsfeier statt. Friedrich Wilhelm IV. verstand das Krankenhaus als Geschenk an seine Berliner, an dessen ärmere Schichten, die hier kostenlos medizinisch versorgt werden sollten. Bei den Berlinern jedoch stieß das Krankenhaus auf Ablehnung. Es war ihnen Symbol für das konservative Regiment des Königs, gegen das sie in der Märzrevolution von 1848 Sturm liefen. Dem strengen kirchlichen Geist, der in seinen Mauern herrschte, begegneten sie mit Argwohn. Das Krankenhaus war auch deshalb unbeliebt, weil ihm der erzkonservative Pastor Ferdinand Schultz vorstand. Im Volksmund wurde er in Anspielung auf einen grausamen mittelalterlichen Inquisitor „Konrad von Marburg“ genannt. Demonstrativ war er den Trauerfeierlichkeiten für die Märzgefallenen am 22. März 1848 ferngeblieben. Selbst der König hatte daran teilgenommen und den Toten die letzte Ehre erwiesen. Aber ebenjener berüchtigte Pastor Schultz ist es gewesen, der den jungen Fontane, der ein Jahr zuvor seine staatliche Approbation als „Apotheker erster Klasse“ erhalten hatte, ans Bethanien holte. Schultz verband eine enge Freundschaft mit Fontanes Familie, vor allem mit der Mutter Emilie, eine hochreligiöse Frau. Sie hatte ihn offenbar um die Anstellung ihres Sohnes gebeten.

Apotheker erster Klasse: Approbationsurkunde für Theodor Fontane vom 2. März 1847
Foto: Robert Rauh
Im September 1848 erhielt Fontane die Einladung von Pastor Schultz, die Stelle der erkrankten Apothekerin des Bethanien und somit die Leitung der Krankenhausapotheke zu übernehmen. Neben der Fertigung der Medikamente und deren Austeilung an die Patienten hatte er zwei angehende Diakonissen zu Pharmazeutinnen auszubilden. Nach abgeschlossenem Examen sollten sie die Apotheke dann selbst führen. Für diese Aufgabe wurde er auf ein Jahr angestellt. Dass Fontane im Bethanien seinen Dienst antrat, war aber zunächst umstritten. Sowohl der preußische Kultusminister Adalbert von Ladenberg, der die Vergabe der Stelle zu bestätigen hatte, als auch Teile des Vorstands des Bethanien, des sog. Kuratoriums, hatten sich dagegen ausgesprochen. Pastor Schultz jedoch gelang es mit großem diplomatischen Geschick, die Anstellung seines Schützlings schließlich durchzusetzen.
Es mag als ein Paradoxon erscheinen, dass es Fontane zu jener Zeit ausgerechnet ans Bethanien verschlug, war doch seine politische Gesinnung dem kirchlich-konservativen Geist dort diametral entgegengesetzt. Aktiv hatte er an der Märzrevolution teilgenommen, sich sogar als Wahlmann für die erste deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main aufstellen lassen. In der „Berliner Zeitungshalle“, dem Publikationsorgan des „Centralausschusses der Demokraten Deutschlands“, waren vier revolutionäre Artikel von ihm erschienen. Dennoch empfand er die Einladung von Pastor Schultz als großes Glück, geradezu als Rettung. Schon lange war es Fontanes Wunsch, als freier Schriftsteller leben zu können. Zur Sicherung seiner Existenz aber war er auf seine Arbeit als Apotheker angewiesen. Im Bethanien nun bot sich ihm das erste und, was er damals noch nicht wusste, einzige Mal die Möglichkeit, den erlernten Beruf auf ideale Weise mit seinem literarischen Schaffen zu verbinden: Er bekam ein stattliches Gehalt von 20 Reichstalern monatlich, lebte zu freier Kost und Logis und musste nur zwei Stunden am Tag arbeiten. Den Rest der Zeit konnte er seinem Schreiben widmen. Diese überaus günstigen Umstände schilderte Fontane in einem Brief an seinen Freund Bernhard von Lepel vom 17. September 1848, und er schwärmte: Ein Sonnenstrahl des Glücks hat mich getroffen. (S. 81)
In seinem Antwortbrief hat Bernhard von Lepel dieses Glück in einem Vierzeiler besungen:
„Bethania! Bethania!
Heil Dir, das mich befreit;
Quartier u. Essen hab’ ich da
Und für die Dichtkunst Zeit!“ (S. 81)

Zwei Zimmer für Fontane: Beamtenhaus in Bethanien
Foto: Robert Rauh
An das Glück, das ihm in Bethanien zuteilwurde, erinnert sich der Schriftsteller in großer Dankbarkeit in seinen Memoiren „Von Zwanzig bis Dreißig“, die er kurz vor seinem Lebensende niederschrieb. Darin erfahren wir, dass Fontane bei seiner Übersiedlung ins Bethanien zwei Zimmer in der Wohnung des Chirurgen Robert Wilms zugewiesen bekam. Die Wohnung befand sich in einem der beiden Beamtenhäuser, die das „Große Haus“, wie das Hauptgebäude des Bethanien genannt wurde, flankieren, und zwar in dem südlich gelegenen, wo die Ärzte wohnten. Dieses „Ärztehaus“ steht noch heute. Anlässlich des 80. Todestages Fontanes’ 1978 wurde dort rechts neben der Eingangstür eine Gedenktafel für den Schriftsteller angebracht. Derzeit aber ist sie wegen der Sanierung des Gebäudes abmontiert.
Fontane berichtet, wie er nach dem Tag seiner Ankunft am 1. Oktober 1848 erstmals die Apotheke betrat: Am andern Vormittage kam Pastor Schultz, um sich bei mir umzusehen und mich dann in mein Amt einzuführen. Wir traten von der Gartenseite her in das „Große Haus“ ein und gingen durch die langen Korridore hin auf ein hohes Eckzimmer zu, das als Apotheke eingerichtet war und besonders um seiner Höhe willen einen wundervollen, halb mittelalterlichen Eindruck machte. (S. 419)

Erinnerung an den berühmten Bewohner: Gedenktafel für Fontane am „Ärztehaus“, derzeit wegen Gebäudesanierung abmontiert
Foto: Robert Rauh
In der Apotheke stellte ihm Schultz die beiden von ihm auszubildenden Diakonissen vor, die ihn schon gespannt erwarteten. Eine von ihnen, die ältere, hieß Emmy Dankwerts (zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte Dreißig), die jüngere Aurelie von Platen (Anfang Zwanzig). Fontane beschreibt seine beiden Schülerinnen mit großer Sympathie und Hochachtung. Sie sind für ihn kluge, selbstständige und selbstbewusste Frauen. Aufgrund ihrer großen Fähigkeiten absolvierten sie die Pharmazieprüfung im nächsten Jahr mit Bravour. Seinen eigenen Anteil als Lehrer an diesem Erfolg schätzt Fontane so ein: Aber ein bestimmtes Verdienst kann ich mir doch auch selber zuschreiben und zwar d a s Verdienst, daß ich selber so wenig wußte. Das ist, in solchem Falle wie der meinige war, immer ein großer Segen. Je weniger man weiß, je leichter ist es, das, was man zu sagen hat, in Ordnung und Übersichtlichkeit zu sagen. Und darauf allein kommt es an. (S. 421)
Der Unterricht muss sehr kurzweilig und vergnüglich gewesen sein und allen dreien einen gewaltigen Spaß gemacht haben, was wohl an Fontanes „Wissenschaftlichkeit“ lag: Meine Vortragsweise, wenn ich meiner Art zu sprechen diesen Namen geben durfte, war die plauderhafte, drin das Wissenschaftliche nur so nebenherlief, während ich beständig Anekdoten und kleine Geschichten erzählte. (S. 421f.)
Besondere Aufmerksamkeit erregten seine chemischen Experimente: Beim Wasserstoff, nachdem ich ihn hergestellt und zum Ergötzen meiner Schülerinnen verpufft hatte, kam ich schnell auf die Luftballons und gab ein halbes Dutzend Aëronautengeschichten mit fabelhaften Gefahren und noch fabelhafteren Rettungen zum Besten und wenn ich im weitren Verlauf meiner Vorträge die Kohlenwasserstoffgase glücklich erreicht hatte, ging ich rasch zu den Kohlenbergwerken über und erzählte eine halbe Stunde lang Schreckensgeschichten […]. (S. 422)
Fontane selbst kam während des Unterrichts in den Genuss köstlicher Bewirtung: Das Zimmer, worin diese Vorträge stattfanden, war das neben der Apotheke gelegene Wohnzimmer Emmy Danckwerts […]. Ich war der Lehrer, aber vor allem auch ihr Gast. Während ich sprach und sie zuhörte, machte sie zugleich die Wirtin und ich wurde […] mit Kaffee, Butter und Honig bewirtet, oder an heißen Tagen auch mit Erdbeeren, Selterwasser und Wein. (S. 423)
Gern hätte Fontane seine Anstellung am Bethanien verlängert. Mit dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung seiner beiden Schülerinnen war seine Aufgabe jedoch erfüllt. Emmy Danckwerts übernahm die Apotheke, Aurelie von Platen wurde später Oberin, d. h. Leiterin, des Bethanien.
Für Fontane war die Krankenhausapotheke in Bethanien seine letzte Station als Apotheker. Im Oktober 1849 gab er den von ihm erlernten Beruf auf und beschloss, als freier Schriftsteller zu leben. Bis zu seinem literarischen Durchbruch sollten aber noch 30 Jahre vergehen.

War glücklich hier: Fontane-Porträt in der Krankenhausapotheke in Bethanien. Kopie einer Kreidezeichnung von Hermann Karl Kersting, 1843.
Foto: Robert Rauh
Die kleine Apotheke, in der Fontane so glücklich war, hat die Zeiten überdauert. Sie macht immer noch einen wundervollen, halb mittelalterlichen Eindruck, und jeden Augenblick, so scheint es, könnte Fontane mit seinen beiden Schülerinnen scherzend und plaudernd hier eintreten, aus Emmy Danckwerts Wohnzimmer duftete es schon nach Kaffee und der Unterricht begönne gleich. Dann würde man den unwahrscheinlichsten Geschichten lauschen und süßen Honig und vielleicht sogar Erdbeeren naschen können.
Die historische Fontane-Apotheke wartet darauf, entdeckt zu werden.
Zum Autor: Michael Leetz ist Historiker und Russist. Er lebt als freier Autor und Übersetzer aus dem Russischen in Berlin und hat u. a. mehrere Werke des russischen Schriftstellers Andrej Platonow ins Deutsche übertragen. Zudem ist er Autor mehrerer Radiofeatures und arbeitet als Kulturmanager für die Max-Lingner-Stiftung. Seit 2024 ist er freier Mitarbeiter des Friedrichshain-Kreuzberg-Museums und betreut dort die historische Fontane-Apotheke im Bethanien.
Zitation
- Leetz, Michael: Die historische Fontane-Apotheke in Bethanien, hrsg. v. Fontane ONLINE, 05.08.2026, https://fontane-online.de/die-historische-fontane-apotheke-im-bethanien/
Titelbild
- Ehemalige Krankenhausapotheke in Bethanien, 2022. Foto: Wolfgang Bittner
Literatur
- Dewey, Michael: Theodor Fontane in Bethanien; in: Dietlinde Peters: Die Diakonissenanstalt Bethanien 1847–1970. Eine „stille Insel im Häusermeer“. – Bezirksamt Friedrichshain Kreuzberg. Abteilung Finanzen, Personal, Wirtschaft, Kultur und Diversity, Berlin 2022, S. 92–98.
- Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches, hrsg. von der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, bearbeitet von Wolfgang Rasch, Große Brandenburger Ausgabe, Das autobiographische Werk, Bd. 3. Aufbau-Verlag, Berlin 2014.
- Fontane, Theodor/Lepel, Bernhard von: Der Briefwechsel. Kritische Ausgabe, Band 1, hrsg. von Gabriele Radecke, Walter der Gruyter, Berlin, New York 2006.
- Lampe, Roland: Ein Sonnenstrahl des Glücks. Theodor Fontane in Bethanien, Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2019.
- Stürzbecher, Manfred: Die Apothekenschwestern im Krankenhaus Bethanien und Theodor Fontane. Zur Geschichte der Dispensieranstalt in Bethanien; in: Walter Hoffmann-Axthelm; Walther G. Oschilewski (Hrsg.): Der Bär von Berlin. Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins. 19 (1970), S. 84–105.

