von Gabriele Radecke und Robert Rauh
Fontanes Frage ist nach wie vor aktuell: Warum sei Heinrich „so wenig populär“ geworden? Dieser „kluge, geistvolle Prinz“, dieser „Feldherr“ ohne Furcht und Tadel, dieses „von den nobelsten Empfindungen inspirierte Menschenherz“! Wenn Fontane in seinen „Wanderungen“ über den kleinen Bruder des großen Königs urteilte, geriet seine spitze Feder ins Tanzen. Die demonstrative Schwärmerei ist vor allem pädagogisch motiviert: Gehe man in eine Dorfschule, werde „jedes Tagelöhnerkind“ die preußischen Generäle Zieten, Seydlitz und Schwerin kennen, „aber der Herr Lehrer selbst wird nur stotternd zu sagen wissen, wer denn eigentlich Prinz Heinrich gewesen sei“.
Dabei war der jüngere Bruder Friedrichs des Großen selbst ein erfolgreicher Heerführer. Heinrich (1726–1802) war durchaus zu Höherem berufen, obwohl er als 13. Kind des Soldatenkönigs in der preußischen Thronfolge keine Rolle spielte. Aufgrund seiner engen Kontakte zu europäischen Fürsten wie Aufklärern wurde ihm nicht nur die polnische Königskrone angetragen, sondern auch die Statthalterschaft über die englischen Kolonien in Nordamerika. Das eine lehnte Friedrich ab, das andere Heinrich selbst mit der Begründung, die Amerikaner sollten sich bei ihrer republikanischen Gesinnung besser einen Franzosen suchen. Bekanntlich entschieden sie sich für die Unabhängigkeit.
Schatten bis in die Gegenwart
Heinrichs Schattendasein reicht bis in die Gegenwart. Bucht man eine Führung durch das friderizianische Berlin, wird am Reiterstandbild Friedrichs des Großen Unter den Linden auf die am Sockel platzierten Zeitgenossen verwiesen: auf Zieten und Seydlitz, Kant und Lessing. Aber der am vorderen Sockelende reitende Heinrich wird nicht erwähnt, obwohl das für ihn errichtete Palais – die heutige Humboldt-Universität – direkt gegenüberliegt.

Reitet unter dem großen Bruder: Prinz Heinrich von Preußen am Sockel des Reiterstandbilds Friedrichs des Großen Unter den Linden; im Hintergrund das ehemalige Palais des Prinzen Heinrich, heute Humboldt-Universität, 2026
Foto: Robert Rauh
Dabei erlangte Heinrich sowohl mit seiner klassizistischen Raum- und Gartengestaltung als auch mit seiner experimentierfreudigen Theater- und Musikkultur in seinem Rheinsberger Landsitz überregionale Bedeutung. Es sei ein „hartes Los“, bedauert Fontane, dass der Prinz dort, wo er ein halbes Jahrhundert „gelebt und geherrscht, geschaffen und gestiftet“ habe, auch nach seinem Tod vom leuchtenden Stern des Bruders „verdunkelt“ werde. In Rheinsberg sei Heinrich „verhältnismäßig ein Fremder“ geblieben. Man wisse wenig von ihm, und der Prinz und seine Zimmer seien „bloße Zugabe, Material für die Rumpelkammer“. Heinrich war bewusst, „keine Anerkennung zu finden, wie es das Schicksal Friedrichs ist, gelobt zu werden, selbst für Dinge, die er nicht getan hat“.

Musenhof-Kulisse: Schloss Rheinsberg am Grienericksee, Kolorierte Umrissradierung, 18. Jh.
Quelle: Carl Benjamin Schwarz, Sammlung romantischer Partien im Garten S.K.H. des Prinzen Heinrich von Preussen zu Rheinsberg mit den umliegenden Gegenden, o.J.

Erinnert heute auch an Prinz Heinrich: Schloss Rheinsberg am Grienericksee, 2026
Foto: Robert Rauh
Eine angemessene Würdigung blieb ihm auch in den folgenden zwei Jahrhunderten verwehrt. „Schuld daran war“, so der Historiker Jürgen Luh, „einzig und allein“ Heinrichs Verhältnis zu seinem Bruder. Seine „harten Urteile“, insbesondere über die königliche Militärführung, hätten nicht zum „Kult um den charismatischen König“ gepasst. In Rheinsberg erinnert ein Obelisk vis à vis des Schlosses an seinen Bruder August Wilhelm und weitere 28 Offiziere des Siebenjährigen Krieges, die Heinrich zufolge von Friedrich ungerecht behandelt worden waren. Für Fontane, der die französischen Inschriften für die „Wanderungen“ übersetzte, ist dieser Obelisk „vielleicht die größte Sehenswürdigkeit Rheinsbergs“ und eine „Kritik in erster Reihe gegen den König“.

„Kritik gegen den König“: Rheinsberger Obelisk (errichtet von Prinz Heinrich Anfang der 1790er-Jahre) am Grienericksee vis à vis des Schlosses, 2019
Foto: Robert Rauh
„Sexuelle Uncorrectheiten“
Fontane sieht noch weitere Gründe für die ausgebliebene Popularität des Prinzen: zu viel Französisches in Sitte und Lebensart, zu wenig „kurbrandenburgische Derbheit“, die man an König Friedrich, ungeachtet seiner „Voltaire-Schwärmerei“, so sehr bewundert habe. Zudem fehlte bislang „der Dichter“, der Heinrichs Verdienste ins rechte Licht zu rücken vermochte. Fontane fühlte sich offenbar nicht als Heinrichs Sänger berufen. Und für eine faktische Darstellung lagen ihm keine „gedruckten Mitteilungen aus jener Epoche“ vor.

Rheinsberg und Heinrich waren von Anfang an dabei: Rheinsberg in der 1. Auflage der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, 1862
Foto: Robert Rauh
Stattdessen tischte er seiner Leserschaft mündlich überlieferte Anekdoten vom Rheinsberger Hofleben auf. Insbesondere über Heinrichs Adjutanten, die Liebhaber des Prinzen. Fontane deutet jedoch nur an, was er in einem anderen Kontext als „sexuelle Uncorrectheiten“ bezeichnet. Denn im Gegensatz zu seinem Bruder Friedrich lebte Heinrich seine Homosexualität offen aus. Fontanes Interesse galt vor allem dem letzten Adjutanten: dem jungen, gutaussehenden und gebildeten französischen Grafen Charles de La Roche-Aymon. Für den 70-jährigen Prinzen, der „von Alleinsein und Stille gelegentlich mehr besaß, als ihm lieb war“, sei der Graf ein „Geschenk des Himmels“. Was Fontane damals nicht wissen konnte: Zwei Jahrhunderte später wird dessen Archiv zum Glücksfall für die Heinrich-Rezeption.
Charles, der als 17-Jähriger zusammen mit seinem Vater aufgrund der Französischen Revolution nach Deutschland emigriert war, gelangte 1794 nach Rheinsberg. Als „Kavalier im besten Sinne des Wortes“ sei er „alsbald in eine Vertrauensstellung, ja darüber hinaus in ein Herzensverhältnis zum Prinzen“ getreten. Für Charles’ Ehefrau Karoline von Zeuner, die der Graf auf Heinrichs Geburtstagsball kennengelernt hatte, war diese homoerotische Beziehung offenbar kein Problem. Postumen „Ruhm“ erlangte Karoline, weil ihr Fontane als schillernde „Prinzessin Goldhaar“ amüsante Auftritte in seinen Werken verschafft hat. Poetischer Höhepunkt ist die durch Briefe belegte Liebelei zwischen Karoline und Heinrichs Lieblingsneffen Prinz Louis Ferdinand, der am preußischen Hof nichts anbrennen ließ. Als die Leidenschaft nicht mehr zu verbergen war, forderte der gehörnte Charles den heißblütigen Louis zum Duell, das Heinrich gerade noch verhindern konnte. Der Eklat hatte keine Konsequenzen. Der Prinz schrieb an Louis’ Vater, man müsse mit den „leidenschaftlichen Naturen Mitgefühl haben“. Louis hätte den Entschluss gefasst, sich seine „rasende Leidenschaft aus dem Herzen zu reißen“, und den „grausam verletzten Grafen“ werde er zu trösten wissen. Man hört Fontane förmlich aufatmen, wenn er kommentiert, „in den Beziehungen zwischen dem Prinzen und seinem Adjutanten änderte sich nichts“.
Umso mehr verwundert es, wenn die Heinrich-Biografin Eva Ziebura meint, Fontane wäre Heinrichs Homosexualität bei aller Sympathie „peinlich“. Ein „fehlerloser Feldherr, der schwul ist“, sei für ihn „schwer fassbar“. Weil sich in seinen „Wanderungen“ keine Belege für diese These finden, bemüht die Historikerin Fontanes Erzählwerk. So werde Heinrich im „Stechlin“ als „ein unglücklicher perverser Mensch dargestellt“. Tatsächlich erklärt Dubslavs Schwiegertochter Armgard, Heinrich sei ein „sogenannter Misogyne [Frauenfeind]“; etwas „durchaus Krankhaftes“. Hier spricht allerdings nicht der Autor, sondern dessen Romanfigur, welche die damals herrschende Sichtweise wiedergibt. Und die – im Unterschied zu antisemitischen Stereotypen – mit einer weiteren Figurenaussage kontrastiert wird. Privat zeigte sich Fontane tolerant. In einem Brief von 1896 argumentiert er aus medizinischer Sicht, indem er metaphorisch formuliert, „die Natur habe also ein Doppelspiel gewollt“. Und wendet sich somit indirekt gegen den 1871 ins Strafgesetzbuch aufgenommen Paragrafen 175: Man dürfe sich dazu „ganz offen“ bekennen, „da man bloße Gefühle nicht vor Gericht stellen kann“.

Machte nach Heinrichs Tod weiter Karriere in Preußen: Charles de La Roche-Aymon, Zeichnung von Richard Knötel, 1809
Quelle: Uniformkunde. Lose Blätter zur Geschichte der Entwicklung der militärischen Tracht, hrsg. von Richard Knötel, Verlag von Max Babenzien, Rathenow 1890.
Heinrichs Vermächtnis
Charles de La Roche-Aymon war allerdings mehr als ein weiterer Liebhaber am Rheinsberger Musenhof. Der Adjutant erhielt in Heinrichs Berliner Palais eine Wohnung, von wo aus er auf dem intriganten Hauptstadt-Parkett als Mittler zwischen dem Prinzen und den preußischen Ministern sowie ausländischen Diplomaten agierte. Weil die beiden korrespondierten, wurde Charles’ Nachlass im 21. Jahrhundert zur entscheidenden Quelle für die Revision des auch von Fontane vermittelten Heinrich-Bildes, wonach der Schattenprinz nach Friedrichs Tod 1786 in seiner „Rheinsberger Einsiedelei“ gelebt habe. Die zahlreichen Briefe Heinrichs, die Eva Ziebura im Familienarchiv fand, belegen, wie energisch der Prinz versucht hatte, bei Friedrichs Nachfolgern Einfluss auf die preußische Außenpolitik zu nehmen – wenn auch erfolglos. Er wandte sich beispielsweise gegen die Neutralitätspolitik und plädierte vorausschauend für eine Allianz zwischen Preußen und dem revolutionären Frankreich.
Wie sehr Heinrich den französischen Grafen als politischen Partner schätzte, verdeutlicht sein letzter Wille. Nachdem er kurz vor seinem Tod Charles bereits das Gut Köpernitz bei Rheinsberg überschrieben hatte, bedachte er ihn in seinem Testament nicht nur mit Geld, Silber und Büchern, sondern auch mit privaten Papieren. Sie befanden sich in verschlossenen Kommoden und sollten Charles ungeöffnet übergeben werden, damit sie nicht in die Hände der Regierung gelangten. Der König und seine Minister setzten sich darüber hinweg, indem sie Charles eine Abtretungserklärung vorlegten. Er unterschrieb, wurde zum Major befördert, und die Papiere verschwanden im Archiv. Fontane wusste davon, weil er bei seinem Besuch in Köpernitz eine „Rokokokommode“ vorfand, in der Heinrichs Manuskript über den Siebenjährigen Krieg ursprünglich aufbewahrt worden war. Fontane wollte den „Verlust“ des Dokuments, das im Zweiten Weltkrieg endgültig verloren ging, jedoch nicht beklagen, weil „Gerechtigkeit“ in Heinrichs „strengster Kritik“ gegen „seinen königlichen Bruder“ zunächst bezweifelt werden müsse.

Geschenk des Prinzen: Gut Köpernitz bei Rheinsberg für Charles de La Roche-Aymon, 2019
Foto: Robert Rauh

Noch heute präsent: Gartensaal des Gutshauses in Köpernitz mit Porträt von Charles de La Roche-Aymon, 2019
Foto: Robert Rauh
Künftig werde, sagte Fontane voraus, dem Prinzen dagegen Gerechtigkeit widerfahren. Zwar würden einige historische Gestalten „verschüttet oder in den Fluss geworfen“, aber dann komme „der Moment ihrer Wiedererstehung“. Der Augenblick trat tatsächlich ein: Bei der Rekonstruktion der Rheinsberger Schlossanlage 1994 wurde eine verschollen geglaubte Büste des Prinzen Heinrich aus dem Rhin geborgen.

Kopflos aus dem Rhin: Büste des Prinzen Heinrich, um 1790
Foto: SPSG, Detlef Fuchs
Kopflos zwar, aber in Rheinsberg war sie symbolischer Auftakt für eine Heinrich-Renaissance. In diesem Jahr wird dort an den 300. Geburtstag mit zahlreichen Veranstaltungen in einem „partizipativen Format“ erinnert. Es wäre sicher eine Gelegenheit gewesen, den Prinzen auch mit einer Jubiläumsausstellung wieder ein bisschen populärer zu machen.
Zu den Autoren: Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin und leitet das Literaturarchiv der Akademie der Künste; Robert Rauh ist Historiker und Publizist. Beide haben zahlreiche Bücher zu Fontane veröffentlicht.
Quelle
- Gabriele Radecke, Robert Rauh: Der Schattenprinz. Vor 300 Jahren wurde Heinrich von Preußen geboren; in: Berliner Zeitung vom 14. Januar 2026
Zitation
- Radecke, Gabriele/Rauh, Robert: Fontane und der Schattenprinz, hrsg. v. Fontane ONLINE, 15.2.2026, URL https://fontane-online.de/fontane_und_der_Schattenprinz
Titelbild
- Prinz Heinrich von Preußen, Porträt von Johann Heinrich Tischbein dem Älteren, 1769; Quelle: Gemäldegalerie Berlin
Weblinks
- h300 – Programm zum 300. Geburtstag von Prinz Heinrich von Preußen, 2026
- Schloss Rheinsberg. Der Musenhof am Grienericksee, Offizielle Website der SPSG
Literatur
- Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Verlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung), Berlin 1862, S. 78ff. [ab 2. Aufl. 1865 unter dem Titel: Die Grafschaft Ruppin. Der Barnim. Der Teltow]
- Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Bd. 1: Die Grafschaft Ruppin, hrsg. von Gotthard Erler und Rudolf Mingau, Große Brandenburger Ausgabe. 2. Aufl., Aufbau-Verlag, Berlin 1994.
- Fontane, Theodor: Der Stechlin, hrsg. von Klaus-Peter Möller, Große Brandenburger Ausgabe, Aufbau-Verlag, Berlin 2001
- Das Rheinsberger Gartenreich. Sehnsuchtsorte in alten und neuen Bildern, hrsg. von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und dem Kunst- und Kulturverein Rheinsberg e. V., Hirmer Verlag, 2026
- Rauh, Robert: Fontanes Rheinsberg, BeBra MINI, Berlin 2024
- Rauh, Robert: Fontanes Ruppiner Land, BeBra, Berlin 2019
- Ziebura, Eva und Bauer, Frank: Im Dienste Preußens. Charles de La Roche-Aymon, Alexander und Ludwig zu Dohna-Schlobitten. Biographie & Dokumente, Kupfergraben Verlag, Berlin 2003
- Ziebura, Eva: Prinz Heinrich von Preußen. Biografie, Stapp Verlag, Berlin 1999

Programm im „partizipativen Format“ statt Jubiläumsausstellung: Offizielles Logo für das Themenjahr „h300“ in Rheinsberg der Stiftung für Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, 2026
Foto: Robert Rauh

